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Das Felsengärtlein im Echothale beim Hallstädter See.

J. H. Waldschütz.

Reisemappenskizze.


Schaukelnd auf schwankem Kahne trugen uns des Hallstädter Sees dunkelgrüne Wellen im lieblichsten Sonnenschein tanzend dahin auf ihrem Rücken und das Herz wurde weit beim Anblick all' der Herrlichkeiten der Schöpfung, die hier in einem ziemlich engen Kreise um

uns ausgegossen waren.

Stille, heilige Stille hielt uns in ihren weichen Armen, und das tobende Geräusch der Welt, das Treiben der Residenz, selbst die geschäftige Intrigenjagd des belebten Badeortes Ischl, woher wir eben kamen, lag fern ab von uns.

Hier in diesem Bergkessel war Alles feierlich stille. Nur über den ruhigen, vom Wellenschlage unserer Ruder leicht gekreiselten Wasserspiegel klang ein gemüthlich österreichisches Lied unserer schönen Schifferinn, das leise verklingend, kaum das Echo der Berge wach zu rufen vermochte.


Ich und meine beiden Reisegefährten, entzückt und begeistert von dem, was sich unserm

Auge darbot, den Blick auf das schneebedeckte Haupt des riesigen Dachsteins gerichtet, der, einem altersgrauen Wächter gleichend, rings um alle Berge beherrscht und nach Westen hin die Aussicht begrenzt, überließen uns, selig träumend, den Empfindungen unsers Herzens und theilten freiwillig das holde, heilige Schweigen der Natur.

Da, um einen Bergesvorsprung biegend, stieg Hallstadt westlich aus dem See empor, lieblich und voll Anmuth, einer Jungfrau zu vergleichen, die ihres Leibes geschmeidige Glieder in den kühlen Fluthen gebadet, und nun hold erröthend das Ufer sucht, aber noch einmal entzückt und erfreut, den leuchtenden Blick nach des Sees schaukelnden Wellen wendet.


Hallstadt, der freundliche Markt, mit den terassenförmig aus dem See emporsteigenden Häusern, mit den, tief in die grünen Wellen hineinreichenden Schoppen für die Schiffe, mit seinen holzgedeckten kleinen Häusern, und seinen drei altersgrauen Kirchen. Wahrlich der Anblick dieses „Klein Genua“ wie es die Reisenden so gerne nennen, ist bezaubernd, überraschend.

In einem tief versteckten Winkel der Erde, fast baar aller Vegetation von theils schneebedeckten, theils waldbegrenzten hohen Gebirgshäuptern überragt, liegt Hallstadt da und ladet den Fremden zum Besuche ein. Wie aber der Herr der Welten allüberall hin seinen Segen sendet, wie er keines seiner Geschöpfe vergießt und den väterlichen Strahl seiner Gnade in alle Herzen senkt, so ließ er auch hier, fern von jeder Kultur und jeder Vegetation, fast losgerissen von allem Lebenden und jedem Verkehr mit der Welt, die Menschen einen Anhaltspunkt finden, um ihr Leben mühsam zwar aber dennoch zu fristen,– das reiche Salzbergwerk nämlich, welches, wie die neuesten Ausgrabungen von römischen Urnen und Waffen und Mumien zeigen, bereits seit urdenklichen Zeiten im Betriebe steht, und Tausenden von genügsamen Sterblichen den nothdürftigen, schwererrungenen Lebensunterhalt verschafft.


Ist schon die Arbeit im Berge selbst, fern vom belebenden Strahl der Sonne, nicht ohne Last und Mühe, so gehört doch riesige Ausdauer dazu, die zu Tag geförderten Salzsteine über den zwei Stunden hohen Berg abwärts zu tragen, damit sie dann auf Schiffe verladen und über den See verführt werden können. Und dennoch trifft man Hunderte von Menschen, die mit gekrümmtem Rücken und altersgebeugtem Haupt gerne diese beschwerliche Arbeit übernehmen und die Bergwerksverwaltung flehentlich bitten, ihnen ja diesen Verdienst nicht zu entziehen. Erhalten sie doch für jeden Zentner Salz den sie mühselig auf Kopf und Rücken vom obern Berg bis an den See schaffen, acht Kreuzer Conv. Münze, und genießen sie doch, sammt ihren Angehörigen des Rechtes, ihr Salz zum Hausbedarfe unentgeldlich zu beziehen.


Solch eine arme, von des Alters Wucht gebeugte Salzträgerinn, in einem der obersten Holzhäuschen von Hallstadt wohnend, wurde vor Jahren von schwerer Krankheit heimgesucht; ihres morschen Körpers Siechthum nahm täglich zu, und ihr einziger Sohn, der mit echter Gebirgsliebe an seinem ergrauten Mütterlein hing, sah schmerzbewegt dem Augenblick entgegen, der ihn der liebevollen Mutter berauben würde. Der Sohn, ein Mann in den hohen Zwanzigen, brachte jeden Augenblick, den ihm der schwere Dienst im Bergwerk frei ließ, bei seiner Mutter zu, oder suchte ihre Vorliebe für Blumen kennend, auf den höchsten Bergen nach Alpenröslein und andern Gebirgsblumen, und brachte sie immer mit einem Freudenjubel seiner kranken siechen Mutter.


Da ging er auch einst an einem Sonntage zu Anfang des Monats Mai durch das, nach dem herrlichen Wasserfalle, dem Waldbach Strub führende Echothal dahin, um nachzusehen, ob der Beginn der milderen Jahreszeit nicht vielleicht schon einige rothe und blaue Blümlein der

schlummernden Natur in den Schoos gestreut habe, und mochte eben seines kranken schwachen Mütterleins gedacht haben, und ihrer Äußerung im strengen Winter daß sie glaube, der himmlische Vater würde ihr noch einmal ihre Kräfte zurückgeben und sie stärken, auf daß sie nicht länger ihrem Martin zur Last fallen dürfe, wenn sie nur Blumen sähe, und sich in einem kleinen Gärtlein schaffend, an der wiedererwachten Erde und ihren süßen Gaben erquicken könnte,– als er mit einem Male stille stand, und staunend den Blick erhob; denn was er sah, rief ihm wie mit mächtiger Gottesstimme zu, und hieß ihn stille stehen und einen Gedanken ergreifen, einen Plan fassen. Losgerissen durch des Wintersturmes riesige Macht, lag mitten im Thale an einer breiten Stelle desselben ein Steinkoloß von wenigstens drei Klaftern Höhe und einem Umfang von vielleicht zwölf bis fünfzehn Klaftern. Staunend starrte

Martin diesen Felsenklotz an, schnallte dann schnell die Steigeisen an die Füsse und war wie der Blitz geübt im Felsenklettern, oben auf des Steines Rücken.


Dort stürzte er weinend und betend auf seine Knie, und dankte Gott mit heißen Freudezähren, daß er sein inbrünstig Flehen erhört, und ihm, der zu arm gewesen, um seiner geliebten Mutter einen Garten zu verschaffen, mit mächtiger Hand diesen Felsenkoloß in den Weg gestreut habe, auf daß er ihn mit Anwendung aller seiner Kräfte in einen Garten umgestalte. Das Eigenthumsrecht dieses abgerissenen Felsenstückes war unbestreitbar auf seiner Seite, und es ist in der That unentschieden, ob Christoph Columbus und Ferdinand Cortez bei Besitznahme der weit umfassenden Länder einer fremden Zone mehr Vergnügen empfunden haben, als der arme Martin auf der Spitze seines Felsens stehend und denselben im Namen seiner kranken, alten Mutter für sein Besitzthum erklärend.


Freudig bewegt kehrte er heim zu seiner alten Mutter, verschwieg aber weislich, mit der, den Bergsöhnen eigenen Verschlagenheit seine Entdeckung, und meldete nur, daß der Herr mit seinem Sonnenstrahl die Blümchen der Berge noch nicht wach gerufen zum neuen Leben. Wohl aber brachte er von da an jeden freien Augenblick auf seinem Eigenthum zu, und die Morgensonne fand ihn jedesmal, so oft er aus dem Berge heimgekehrt, schon wach und mit dem Hinantragen der Erde beschäftigt, und wenn der bleiche Mond sein mildes Licht über die Bergeshäupter herübersendete, war unser Martin noch geschäftig, unter Freudenthränen ein munteres Liedlein summend, oder aus kurzer Gebirgspfeife kreiselnde Tabakwolken dampfend, sein Gärtlein zu pflegen, und zu warten. Des Sohnes lange Abwesenheit fiel der kränklichen Mutter zentnerschwer aufs Herz; obwohl sich mit des Sommers zunehmenden Tagen ihr Siechthum zu heben begann, machte ihr dieß doch nicht so viele Freude, als man hätte vermuthen sollen, und wenn sie aus ihrem hoch gelegenen Häuschen an manchem heitern Sonntagsnachmittag die Augen über den See hin schweifen ließ und an dem Vorgebirge gegen Obertraun hin die schönen gelben, rothen und blauen Blumen prangen sah, da zog ihr der Gedanke das Herz zusammen, daß ihr Martin seiner alten Mutter vergessen und ihr keine Blumen mehr bringe.–


An allen Sonn- und Feiertagen ging er vor Tagesanbruch schon hinaus und kehrte ganz ermattet am späten Abend wieder heim, kaum den nöthigen Schlummer sich gönnend, um am nächsten Morgen seiner schweren Tagesarbeit nachgehen zu können, also daß die besorgte Mutter nicht anders denken konnte, als: er habe sein Sohnesherz von ihr gewendet, und dasselbe einem Liebchen geschenkt, das ferne vielleicht auf einer der Hochalpen wohnend, mit magischen Fesseln den guten Martin zu sich zog.


Schweigend ertrug das gute Mütterlein diese scheinbare Zurücksetzung und erwartete geduldig die Wiederkehr der Liebe ihres Sohnes.– Bereits hatte ihr der Arzt erlaubt, das Zimmer zu verlassen, und nun erklomm sie selbst mühsam manchen Bergeshang und brachte mit Anstrengung und Mühe viele Blumen nach Hause und stellte sie in das Glas am Fenster und freute sich, dem Herrn der Welt für ihre Genesung dankend, an den herrlichen duftenden Kindern Floras.

Der Sommer war mit seinem Duft und Glanz heraufgezogen, manches Gewitter hatte die schwüle Luft abgekühlt, oft war der See ergrimmt und rollte seine wilden Wogen wie zürnend daher, die geringe Ernte der Bewohner von Hallstadt war hereingebracht, und die Tage begannen bereits kürzer zu werden, da nahte des alten Mütterleins Namenstag, denn sie hieß Maria.–

Früh am Morgen suchte ihr Sohn seine besten Kleider hervor, er zog die schwarzlederne Hose an und die grüne Jacke, ja sogar die neuen Bundschuhe mußten paradiren und der hellrothe Hosenträger. Dann nahm er seinen breiten runden Hut in die Hand, und bat indem er ihn immer drehte und verlegen zerknüllte, seine Mutter, sie möge ihn begleiten, er habe ihr zum Namensfeste eine kleine Überraschung bereitet.–

Staunend, und nichts anderes denkend, als ihr Martin wollte ihr sein Bräutlein vorführen, zu dem er schon den ganzen Sommer her gegangen sei, warf sich die Mutter in vollen Staat, sie

schnürte den rothen weitbauschigen Rock um ihre Hüften, band eine schwarze Schürze vor, zog schön gezwickelte Strümpfe an, setzte die schwarze oberösterreichische Florhaube auf und vergaß auch nicht die böhmischen Granaten mit dem kleinen silbernen Madonnenbilde umzuhängen, welche ihr Seliger einst von einer Wallfahrt nach Maria Zell mitgebracht hatte,

und trat so geschmückt vor ihren Sohn, im Herzen erfreut, heute noch eine geliebte Schwiegertochter an ihre Brust drücken zu können.


So wanderten Mutter und Sohn durch die obere Gasse Hallstad's dahin, am herabstürzenden Mühlbach vorbei, und wandten sich rechts einbiegend nach dem Echothale, das mild von der Sonne beleuchtet, im vollen Schmuck des üppigsten Wiesenteppichs, gestickt von tausend Blumen, würzig duftend von tausend aromatischen Kräutern, und umschlossen von pittoresken Felsengebirgen dalag in seiner herrlichsten, blendendsten Schönheit. Eine halbe Stunde mochten sie Arm in Arm, jedes mit sehnsüchtig pochendem Herzen gewandelt sein; die alte Frau fühlte bereits einige Ermattung ihres kaum genesenen Körpers, scheute sich aber, dem Sohne etwas davon mitzutheilen, da gewahrte ihr Auge eine an ein hohes Felsenstück gelehnte Leiter, und noch ungewiß, wozu dieselbe wohl dienen möge, ward sie von ihrem Martin höflich eingeladen, diese Leiter langsam zu besteigen, und er folgte ihr hochaufschwellenden Herzens.


Wie ward aber dem genesenen Mütterlein zu Muthe, als sie angelangt auf der Höhe des Felsens, mit staunendem Blick ein kleines wundernettes Gärtchen überschaute, als ihr rechts ein Beet von Vergißmeinnicht und Nelken, links ein hochaufgeblühter Rosenstock entgegenleuchtete, als sie Kohl und Kraut zum Hausbedarfe angebaut sah, und am Ende des kleinen Gärtleins ein aus rohen Bretern gezimmertes Häuschen mit einer Rasenbank geschmückt erschaute, und fast von einem lieblichen Traum geweckt zu sein glaubte, als ihr Martin sie zärtlich umfassend, und mit thränenbefeuchteten Wangen sagte: „Mutter das ist dein Angebinde, der Herr hat mir die Kraft verliehen, in meinen Feierstunden dir dieß kleine Gärtlein zu bereiten, gute Menschen haben mir die Blumen geschenkt, welche hier prangen, und der Himmel gab Fruchtbarkeit und Gedeihen meinem Werke. Nimm dieß Angebinde hin aus der Hand deines Sohnes und möge dich Gott der Herr mir noch lange, lange erhalten.“–


Sprachlos lauschte die Mutter diesen Worten ihres Sohnes, rasch und feurig flog das Blut durch ihre Adern, und sammelte sich im Herzen, fast dessen enge Grenzen sprengend; rasch strömten ihre Augen von heißen Freudenzähren über und mit dem einzigen Ausrufe: „Mein Sohn! mein Sohn!“ lag sie fast wie leblos in den Armen des Überglücklichen.

Nachdem sie sich erholt, wendete sie ihr Auge nach all' den schönen, lieben Blumen, die nun ihr Eigenthum waren, und zog ihren Martin wiederholt an die Brust und bat ihm leise den Verdacht ab, den sie gehegt, daß er um schnöder Liebe wegen von der alten Mutter so lange fern geblieben; laut aber sagte sie, den Blick zum blauen Himmelsraum emporgehoben, wo die Sonne mild freundliche Strahlen herniedersendete: „O wäre der Vater hier, wie würde er sich freuen!“ Und die Granatenschnur mit dem Mariabilde riß sie hervor und hauchte viele heiße, heiße Küsse darauf, und gedachte dabei, freudvoll und leidvoll ihres Gatten, dem schon vor vielen Jahren der Engel des Todes den dunklen Pfad gewiesen.

Froh und glücklich besuchte nun die alte Frau, deren Kräfte sich wunderbar stärkten, das Felsengärtlein im Echothale jeden Tag des Sommers und Herbstes, oft mit ihrem Sohne, oft auch ohne ihn, wenn sein Beruf als Bergarbeiter ihn ferne hielt,– und wenn des Winters rauhe stürmische Tage herniedersanken in das Thal, wenn der ewige Schnee die Felsenhäupter deckte und der Sturm grauenvoll durch die Felsen pfiff; wenn lodernd ein schwaches Feuer im Ofen knisterte, und tausend Eisblumen an den kleinen Fensterscheiben zitterten,– da gedachte die alte Mutter ihres Gärtleins draußen im Thale und freute sich sehnend auf den kommenden Sommer und auf ihre Rosen, Veilchen und Vergißmeinnicht.–


Und wenn der Vorfrühling herannahte mit seinen Lawinen und Gießbächen, mit seinen laueren Lüften und Lenzesstürmen, wenn die Bäche und Flüßchen alle des Tyrannen starres Gesetz wieder zerbrochen hatten und im lauten Freudensturm herniedertosten ins schöne Echothal, da zog Martin mit Spaten und Haue hinaus in sein Felsengärtlein und trug neuerdings Erde hinauf und jätete aus und grub um, und hatte seine Herzensfreude daran, wenn Alles grün wurde, und wenn die Gelbveiglein die kleinen Köpfchen hoben und wie dankend zu ihm emporschauten aus ihrem grünen buschigen Häuschen. Kamen aber dann die Lerchen mit ihren Jubeltönen, und die Schwalben mit ihrem Gezwitscher, und summten goldgrüne Käfer in den lauen Lüften und badeten sich in den warmen Sonnenstrahlen, da brach Martin das erste Vergißmeinnicht und die erste Rose und brachte sie als süße Boten des Lenzes seinem Mütterlein nach Hause und führte die alte Frau hinaus in ihren Garten und überließ sie dort ihren mannigfachen vorsorglichen Beschäftigungen.


Nach drei Jahren zimmerte der Sohn in langen Winterabenden eine kleine freihängende Holztreppe, arbeitete daran mühsam mit Schnitzer und Hacke, und als der freudenspendende Frühling kam, befestigte er die Treppe an seinem Felsen und geleitete sein Mütterchen, dem das Ersteigen der Leiter wohl schon etwas zu beschwerlich geworden war, sachte und behutsam über den neuen, mühselig angelegten Wendelsteg nach ihrem Felsengärtlein im Echothale.

Wunderbar fühlte sich die alte Frau gestärkt und emporgerichtet von den würzigen Duften ihres kleinen Eigenthums; ihre Kräfte nahmen zu, ihr Auge freute sich aller der Schönheiten, die ihres Sohnes Hand aus dem starren Felsen hervorgezaubert hatte, und es schien fast, als ob der Todesengel, der schon einmal bei ihr angeklopft hatte, noch lange an ihr schonend vorüberschweben würde.


Doch endlich nahte auch die Scheidestunde für Martin und sein gutes Mütterlein. Die alte Frau war an einem schönen Herbstabend länger im Garten geblieben, als sonst; fast ahnend, daß sie nicht mehr lange sich dieser Himmelsgabe erfreuen würde, hatte sie einigemale Mal den Garten nach allen Seiten hin durchwandert, und jeder Blume, jedem Kräutlein lächelnd zugenickt, und als sie zur üppig grünen Rasenbank zurückkehrte, überfiel sie eine noch nie gefühlte Mattigkeit, sie sank in tiefen Schlummer und ein Traum zog himmlisch mild durch ihre Seele. Es war ihr, als theile sich der Mond, der eben silbern glänzend am Himmel hing, in zwei Theile, und sie erblickte darin, von himmlischem Glanze verklärt, das Angesicht ihres treugeliebten Gatten, der mit mildem Lächeln ihr zunickte, in einer Hand hielt er eine volle üppige Mohnblume, in der andern eine der schönsten Rosen aus ihrem Felsengärtlein. Und die Mohnblume zur Erde wendend, fielen einige Körner leise auf Augen und Herz der Träumenden, so daß sie fast ein schmerzliches Weh durchzuckte weithin aber auf den grünen See, den ihre Augen nun mit einem Mal übersahen, erblickte sie ihren Sohn auf leichtem Kahne und sah, wie er weg ruderte von ihr und dennoch sehnsuchtsvoll den Blick nach ihr wendete. Immer weiter ward die Entfernung, der See vergrößerte sich ins Unendliche und sehnsuchtsvoll die Arme nach ihrem Martin ausbreitend– erwachte sie und fühlte sich nicht ganz wohl.


Mühsam schleppte sich die alte Frau nach Hause und am zweiten Tage darauf klang ein Glöcklein gar schauerlich über den See und verkündete der christlichen Gemeinde, daß eine Seele aus ihrer Mitte geschieden.

Abermals nach zwei Tagen klangen drei Glocken im Abendwinde und man trug Martins Mutter hinaus in den Friedhof zur ewigen Ruhe und Stille.


Ihr Sohn weilt seit jenem Tage nur selten mehr an seinem ehemaligen Lieblingsplätzchen; nur wenn des Mondes volle Silberscheibe herniederblickt, steht er am Felsenhügel, und schneidet Rosen und andere Blumen ab, die er dann auf das Grab der Mutter trägt und dort der Unvergeßlichen weiht. Da dünkt es ihm oft, als brächte ein leiser Abendwind Kunde aus jenseits und als blickten ein Paar glänzende Augen wie segnend hernieder auf ihn.


Jahre sind nun seit dem Tode der alten Frau ins Zeitmeer gesunken, die Bäumchen sind zu schattigen Bäumen herangewachsen, die Rosensträuche tragen gar herrlich duftende Blumen, und alle übrigen Zierden dieses kleinen Felsengärtleins prangen in ihrer vollsten Schönheit, allein der Besitzer dieses Stücks Erde weilt trübe und gramgebeugt in seiner einsamen Hütte. Ists ihm doch immer, als mahne ihn der Anblick seines Gärtleins an verklungene, schöne, nimmer wiederkehrende Tage.


Hunderte von Wanderern, die ihr Weg nach dem unvergleichlichen Waldbach „Strub“ durch das Echothal führt, eilen an dem kleinen Felsengärtlein vorüber, ohne dasselbe eines flüchtigen Blicks zu würdigen. Mich aber, und einen meiner Begleiter zog es mit unwiderstehlicher Gewalt die schmale Wendeltreppe hinan, und als wir uns das kleine Besitzthum, welches eben im vollsten Sommerschmuck prangte, übersehen, ward es uns klar, daß hier glücklichere Herzen geschlagen, als in manchem der prächtigsten, mit theuren erotischen Gewächsen reich geschmückten Gärten.

Nachdem wir das seltene Naturschauspiel des benannten berühmten Wasserfalles betrachtet, dann das Salzbergwerk nach allen Seiten hin durchwandert hatten, stärkten wir uns bei Deubler mit einem ausgesucht guten Mittagsmahle, und verließen gegen Abend das in vieler Hinsicht interessante Hallstadt.


Scheidend wandten wir von dem uns tragenden Schifflein noch einmal den Blick zurück. Da starrte uns aus einem kleinen Fensterlein eines der obersten Häuser ein Mann mit gramgefurchten Wangen nach. Ob es vielleicht der arme Martin gewesen, der eben wehmuthsvoll seiner geliebten Mutter gedachte? Die Wolken, welche der Wind den ganzen Tag über zusammengeballt hatte, goßen in mildem Regen auf uns herab und so fuhren wir mit schwerem Herzen und weich gestimmtem Gemüthe dahin auf den ziemlich hohl gehenden Wellen des tiefdunklen Sees, fortan gedenkend des allerliebsten Felsengärtleins im Echothale.


Wien.

Nach der Fluth

Bowitsch, Ludwig, 1818-1881

Wien: Pichler, 1862. - 159 S.

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