Ein System kämpft gegen uns und wir gegen ein System.
- Gerhard Zauner

- 16. Jan.
- 29 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. Jan.
Ein Kapitel aus dem Roman, "Die Alten und die Neuen." das am Salzberg spielt.
Der Roman, 1885 erschienen, ist auch eine Art Denkmal für Konrad Deubler, dessen Geschichte etwas abgewandelt darin vorkommt.
Auch Friedrich Engels hat eine Kritik dazu geschrieben, bei dem er die Katastrophe von 1884 erwähnt. Im Roman findet der Erdrutsch aber nicht im Markt statt, sondern beim Sudhaus.
Friedrich Engels, London, November 26, 1885:

Ich habe nun auch „Die Alten und die Neuen“ von Minna Kautsky gelesen, wofür ich Ihnen herzlich danke. Das Leben der Salzbergwerksarbeiter ist ebenso meisterhaft geschildert wie die Bauernporträts in „Stefan“. Auch die Beschreibungen der Wiener Gesellschaft sind größtenteils sehr gelungen. Wien ist tatsächlich die einzige deutsche Stadt mit einer ausgeprägten Gesellschaft; Berlin hingegen verfügt lediglich über „gewisse Kreise“, und noch unbestimmtere, weshalb dort nur Romane über Literaten, Beamte oder Schauspieler entstehen. Sie können besser beurteilen, ob die Handlung in diesem Teil Ihres Werkes mitunter zu schnell voranschreitet. Vieles, was diesen Eindruck erwecken mag, wirkt in Wien angesichts des besonderen internationalen Charakters der Stadt und ihrer Vermischung mit süd- und osteuropäischen Einflüssen vielleicht ganz natürlich. In beiden Bereichen weisen die Figuren die für Ihr Werk so typische, scharfe Individualität auf. Jeder von ihnen ist ein Typus, aber zugleich auch ein eigenständiges Individuum, ein „Dieser“, wie der alte Hegel sagen würde, und so soll es auch sein.
Um nun unparteiisch zu sein, muss ich etwas bemängeln, und das führt mich zu Arnold. Er ist wirklich ein viel zu würdiger Mann, und als er schließlich bei einem Erdrutsch ums Leben kommt, lässt sich dies mit poetischer Gerechtigkeit nur vereinbaren, indem man annimmt, dass er zu gut für diese Welt war. Es ist jedoch immer schlecht, wenn ein Autor seinen eigenen Helden vergöttert, und diesen Fehler scheinen Sie hier, soweit ich weiß, ein Stück weit begangen zu haben. Bei Elsa findet sich noch eine gewisse Individualität, obwohl auch sie idealisiert ist, aber bei Arnold verschmilzt die Persönlichkeit noch mehr mit dem Prinzip. Der Roman selbst offenbart die Ursprünge dieses Mangels. Sie hatten offensichtlich den Wunsch, in Ihrem Buch öffentlich Stellung zu beziehen, Ihre Überzeugungen vor der ganzen Welt zu bezeugen. Dies ist nun geschehen; es ist ein Schritt, den Sie in dieser Form nicht wiederholen müssen.
Ich bin keineswegs gegen parteiische Dichtung an sich. Sowohl Aischylos, der Vater der Tragödie, als auch Aristophanes, der Vater der Komödie, waren ausgesprochen parteiische Dichter, Dante und Cervantes standen dem in nichts nach, und das Beste, was man über Schillers „Kabale und Liebe“ sagen kann, ist, dass es das erste deutsche politische Problemdrama darstellt. Die modernen Russen und Norweger, die hervorragende Romane verfassen, schreiben allesamt mit einer bestimmten Absicht. Ich bin jedoch der Ansicht, dass sich diese Absicht aus der Situation und der Handlung selbst erschließen muss, ohne explizit darauf hingewiesen zu werden, und dass der Autor dem Leser die zukünftige historische Lösung der von ihm beschriebenen sozialen Konflikte nicht auf dem Silbertablett servieren muss. Hinzu kommt, dass Romane unter unseren Bedingungen zumeist an Leser aus bürgerlichen Kreisen gerichtet sind, also an Kreise, die nicht direkt zu den unseren gehören. So erfüllt der Roman über das sozialistische Problem meiner Meinung nach seine Aufgabe vollends, wenn er durch eine getreue Darstellung der realen Verhältnisse die vorherrschenden konventionellen Illusionen darüber entlarvt, den Optimismus der bürgerlichen Welt erschüttert und unweigerlich Zweifel an der ewigen Gültigkeit des Bestehenden sät, ohne selbst eine direkte Lösung des Problems anzubieten, ja selbst ohne mitunter scheinbar Partei zu ergreifen. Hier finden Ihre profunden Kenntnisse und Ihre bewundernswert frische und lebensechte Schilderung sowohl der österreichischen Bauern als auch der Wiener „Gesellschaft“ reichlich Stoff, und mit Stefan haben Sie bewiesen, dass Sie Ihre Figuren mit jener feinen Ironie zu behandeln vermag, die die Meisterschaft des Autors über die von ihm geschaffenen Wesen bezeugt. Aber nun muss ich zum Schluss kommen, sonst langweile ich Sie zu Tode.
Alles ist wie zuvor. Karl und seine Frau [Karl und Louise Kautsky] studieren Physiologie in Avelings Abendkursen und arbeiten fleißig; auch ich bin in meine Arbeit vertieft; Lenchen, Pumps und ihr Mann gehen heute Abend ins Theater, um sich ein sensationelles Stück anzusehen, und währenddessen bereitet sich das alte Europa darauf vor, wieder in Bewegung zu kommen – und vielleicht ist es auch höchste Zeit. Ich hoffe nur, dass es mir Zeit gibt, den dritten Band des Kapitals zu vollenden, dann kann es endlich losgehen!
In herzlicher Freundschaft und mit aufrichtigem Respekt verbleibe ich Ihr
F. Engels

Karl Kautsky war 1879 und 1925/26 * * in Hallstatt und hielt im Kunsumvereinssaal Vorträge über Sozialismus.
Louise Kautsky könnte auch mitgekommen sein, vielleicht werden sie einmal auf einem alten Foto erkannt.
"Die Alten und die Neuen" von Minna Kautsky erschien 1885.
Das waren jetzt wirklich sozialistische Top-Politiker ihrer Zeit.
Kautsky war der erste linke Politiker der Lenin kritisierte,darum hier noch ein Battle-Rap zwischen Kautsky und Lenin.
Jetzt aber zum Roman

Die Alten und die Neuen
2. Teil
Viertes Kapitel.
Es ist fast Mittag.
Die sonnendurchwebte Luft ist klar und mild, sie zittert ein wenig.
Ein würziger Harzduft dringt aus den Wäldern ringsum, und ein leiser Wind führt ihn weiter und mengt ihm das zarte Aroma bei, das aus den niederen, am Boden wuchernden Kräutern emporsteigt.
In den einsamen Äther hoch oben kreist ein Adler mit langsamem, majestätischen Flügelschlag. Er scheint in der Luft gleichsam zu stehen, sich im Äther zu baden.
Im Dunstkreis der Erde aber tummeln sich unter den gleichen belebenden Einflüssen Miriaden der kleinsten Lebewesen und bringen ihr Luftgefühl zum sinnlichen Ausdruck. Sie alle freuen sich des frisch erglühenden Tages, und die Sonne ist ihnen allen Labsal und Freude. Und höher steigt sie und die Temperatur nimmt zu.
Aber die Bergleute, diese menschlichen Maulwürfe, genießen nicht ihre Wohltaten.
Ausgeschlossen sind sie von Licht und Wärme; Die fürchterliche Nacht umgibt sie und sie arbeiten Winter und Sommer in der gleichen feucht-frostigen Temperatur von nur vier Grad Wärme.
Und sie arbeiten zumeist allein.
Jedem ist seine Stelle angewiesen in einem Gange, der entweder durch frühere Auslagerungen zu einer Kammer sich erweitert hat oder so enge ist, dass ein Mann nur eben aufrecht darin zu stehen vermag. Oft vermag er nur in gebückter Stellung die Bohrlöcher einzuschlagen für die Sprengungen, die alsbald die Felsmassen, die für die Ewigkeit gefügt schienen, in wilder Kraft auseinanderreißt und zum Stürzen bringt. Das Steinsalz wird hinausgeschafft, und in die also gewonnenen Räume wird das Wasser eingeleitet, das gierige Element, das am Boden, an den Wänden, an der Decke weiterfrisst, mit Salz sich sättigt, bis es den nötigen Prozentsatz der Sole in sich aufgenommen hat und in Röhren nach den Sudhäusern abgelassen wird.
Georg arbeitet heute in einer solchen Kammer.
Sie reicht hoch hinauf und ihre Decke entzieht sich seinem Blicke. Die Grubenlampe, die mit einem eisernen Haken in den Felsen eingestoßen ist, erhellt im engen Umkreis nur eine Wand. Dort glitzert es feucht, und rötliche und weißlich-graue Salze schimmern da entgegen, von dunklen, symmetrisch laufenden Adern durchzogen, mit Ton gemischt, an manchen Stellen wieder ganz rein kristallisiert, gleich Edelsteinen blitzend. Die kleine Öllampe raucht und qualmt darüber hin. Ihr Docht ist frei, durch nichts geschützt, und ihre Füllung reicht für eine sechsstündige Schicht gerade aus.
Georg steht aufrecht, das als Spitzkeil wirkende Eisen in der linken, das Fäustel in der rechten Hand; Er setzt das Eisen an die Wand, und indem nun jeder Schlag dasselbe treffen muss, höhlt er ein zylindrisches Loch in den Felsen. Das flackernde, trübe Licht erleuchtet sein blasses Gesicht und zeigt auf dem dunklen Gekräusel seines kurzen Bartes im grauen Schimmer winzige Salzkristalle.
Er arbeitet im Geding, und unaufhaltsam setzt er die monotone Arbeit fort. Seine intelligenten Augen sind nur auf den einen dunklen Punkt gerichtet, den er zu treffen hat. Er räuspert sich von Zeit zu Zeit; Die Lunge muss des abscheulichen Brodems, den sie einatmet, sich entledigen. Das Geräusch seiner Lunge klingt in dieser tiefen Stille und Abgeschlossenheit, die keinen Ton hinauslässt, dem Ohr hart und metallisch, gleich den Schlägen seiner Haue. Sonst alles lautlos um ihn herum; Doch nein, ein Tropfen fällt, silbern tönt er, und wieder einer, und wieder – es tropft und rieselt von den feuchten Wänden. Es ist das einzige Zeichen des Lebens außer ihm, das einzige Zeugnis von den ewig wirkenden Kräften in der Natur, das ihm hier zum Bewusstsein kommt.
Armseliges Leben!
Die Bohrlöcher sind gemacht, mit Pulver gefüllt, und die Bohrnadel ist eingeführt. Den übrigen freien Raum um dieselbe verstopft und verrammelt er mit trockenem Lehm, dem sogenannten Schießkuchen. Jetzt wird die Bohrnadel wieder herausgezogen und an dessen Stelle ein Schilfröhrchen mit dem Schwefelfaden eingeführt. Da die Arbeiter im Geding von ihrem kargen Ertrag die Sprengstoffe, Licht und Lunte selbst zu beschaffen haben, so nehmen sie, um zu sparen, die Lunte möglichst kurz. Und nun – er entzündet die eine und die andere und stürzt mit seiner Lampe hinweg. Wehe ihm, wenn er auf dem nassen, schlüpfrigen Salzboden ausgleitet, wenn er fällt, wenn sonst ein Hindernis, und sei es auch nur das einiger Sekunden, seine Flucht hindert, er ist verloren.
Er wirft sich auf einen Haufen ausgelaugten Gesteins, das in der Kammer hügelartig den Boden bedeckt – die Detonation erfolgt und mit entsetzlichem Krachen bricht ein Stück der Wand zusammen.
Wie jeder Muskel seines Körpers bebt, wie ihm das Herz pocht!
Und nun erfüllt den Raum stinkender Pulverdampf und mischt sich mit der matten Grubenluft und dem Qualm der rauchigen Lampe an seiner Seite, die dem Manne das bisschen Sauerstoff in der Luft streitig macht. Er verharrt einen Augenblick in seiner Lage, in tiefen, schweren Atemzügen, die Hand gegen die pochenden Schläfen gedrückt. Und wenn ihn nun die entsetzliche Kraft erfasst und ihn zermalmt hätte, unter den stürzenden Felsen begraben?
Was wäre daran gelegen?
Was bedeutet denn ein so armselig, elendes Leben?! Um so elender, weil ihm bereits die Erkenntnis aufgegangen für all das Erhabene, das eine Menschenbrust erfüllen kann, für all das Glück, dessen sie fähig ist. Und er sollte immer ausgeschlossen bleiben, und sein heißes Sehnen würde niemals gestillt werden? Niemals jener Durst nach Bildung, nach Wissen, nach Wahrheit?!
Es ist wieder ruhig geworden um ihn herum; nur einzelnes Gestein und Blättchen Salz bröckeln noch herunter. Und wieder hört er die Tropfen fallen: tack – tack – tack!
Ihn durchschauerts.
Ein Ekel überkommt ihn vor sich selbst. Ein Tier dünkt er sich, das in der Hölle haust und sie durchwühlt um seines Fraßes willen. Und nicht einmal gesättigt! Nicht einmal das niederste Bedürfnis befriedigt, nicht einmal dies!
Und jetzt taucht – ein furchtbarer Kontrast – in der Phantasie des Arbeiters ein Bild auf, das ihm all die Poesie des Lebens verwirklicht, ihm die Bildung des Geistes vereint zeigt mit der edelsten Herzensbildung: Elsa.
Schon als Knabe hat er sie geliebt, unter den beschämendsten Martern, und er hätte sich eher die Zunge ausreißen lassen, ehe er eingestanden, wie viel sie ihm gegolten. Jetzt steht er ihr als Mann gegenüber, und wieder wäre Schweigen sein Teil? Ein Insichverschließen alles dessen, was ihm die Brust bewegt?
Nein!
Er fühlt, dass es inzwischen anders geworden ist, sie haben ein gegenseitiges Anrecht aufeinander, und zwischen ihnen gibt es einen Gemeinsamen, ein Etwas, das mächtiger ist als Blutsverwandtschaft und dauernder als die Liebe. Es ist das gleiche Ziel, der gleiche Endzweck, es ist das, was Menschen einer Zeit verbindet, sie unter gleichen Ideen und Voraussetzungen zum Handeln drängt.
Auch er wird handeln, und er wird dem heißen intellektuellen Drange folgen, der ihn, einem Gesetze gleich, erfasst hat, von dem er sich nicht mehr losringen kann und nicht mehr losringen will. Und er wird die Kraft finden, seine elende Lage zu ertragen, seitdem er weiß, dass es sein heiligstes, sein moralischstes Recht ist, sie zu verbessern, und so wird auch er an dem großen Werke der Zukunft mitarbeiten, und was ihm selbst wohl unerreichbar bleibt, für andere wenigstens erringen helfen.
Er erhebt sich.
Er streicht das wirre Haar aus seinem Antlitz, seine Augen sehen wieder klar und fest und ruhig.
Er stößt die Lampe an und ergreift sein Werkzeug, um seine Arbeit wieder aufzunehmen.
Horch, drei Schläge. Dumpf und leise tönen sie. Sie kommen aus einem anderen Gang, aber sie sind deutlich hörbar.
Sein Wandnachbar fragt bei ihm an und verlangt von ihm ein Zeichen, das Kunde gibt, dass er die Sprengung ohne Schaden ausgeführt. Georg schlägt als Antwort mit dem Fäustel dreimal an den Felsen.
Nach kurzer Zeit wiederholt der andere das Klopfen. Sechs Schläge sind‘s. Ah, es ist Mittag, und in der Tat, seine Lampe droht zu erlöschen.
Er reißt sie aus dem Gestein und wirft Haue und Eisen von sich und ohne einen Blick auf die vollbrachte Arbeit wendet er sich ab. Er verlässt die Kammer und durcheilt mehrere Gänge.
Sie sind enge und verengen sich immer mehr. Der Berg wächst, wie es in der Bergmannssprache heißt.
Schon sind die mächtigen Balken der Streckenzimmerung zum Teil geborsten, zersplittert, und sie beugen sich immer mehr und mehr unter den stetig anschwellenden Gesteinsmassen. Jetzt gelangt er in den Stollen, in dem die Gleise für die „Hunde“ gelegt sind. Sie sind mit Steinsalz beladen und Arbeiter treiben sie vor sich her.
Aus allen Stollen treffen nun die Bergleute zusammen, für alle ist nach der sechsstündigen Schicht die Zeit des Ausfahrens gekommen.
Von Nacht zum Licht.
Sie schreiten vorwärts, ohne ein Wort zu verlieren. Da vernimmt man Stimmen im wirren Durcheinander; wie aus weiter Ferne klingen sie und doch wieder in einzelnen Lauten so seltsam schrill. Und jetzt ein Lachen – das sind nicht Bergarbeiter – im Berg lacht keiner – und dies ist ein besonders heller Ton, es ist das Lachen einer Frau.
Die Arbeiter sind bei einem Schacht angelangt, der, einem großen schräglaufenden Schlot vergleichbar, von einem oberen Stollen herunterführt. Auf einer sogenannten Rutsche, einem glattpolierten Balken, der eine Neigung von fünfzig Grad besitzt, fahren die Bergleute abwärts, und es ist dies sicherlich das rascheste Beförderungsmittel, das man sich denken kann. Einer kommt knapp hinter dem anderen zu sitzen, und er nimmt sein Licht in die Linke, während er mit der Rechten, die durch ein Handleder geschützt wird, das lose hängende Seil ergreift, das mit der Rutsche parallel läuft und ihm nun während des Abrutschens durch die Finger saust.
Dem Ende zu verläuft die Rutsche etwas horizontal, wodurch der Absturz abgeschwächt und die Gefahr verringert wird.
Georg und seine Genossen wollen an dem Schacht vorrübergehen, dessen Endpunkt von einigen Lichtern erleuchtet ist, als sie von dem Steiger, der hier aufgestellt war, angerufen werden. Er bedeutet ihnen zurückzugehen und zu warten, bis der Herr Verwalter mit den Herrschaften da oben, er wies den Schacht aufwärts, herabgefahren wäre.
Die Arbeiter gehorchten.
Von denen, die mit ihren Lichtern im oberen Stollen stehen und sich zur Abfahrt durch den Schacht bereithalten, war natürlich nichts zu sehen; Aber wieder vernahm man im lebhaften Durcheinander Stimmen, und alle übertönend, herausfordernd und übermütig, die helle Frauenstimme.
„Ich habe keine Furcht, Sie sollen sehen!“
Und nachher: „Ich lege meine Hand auf Ihre Schulter, Doktor Lefebre, so sind wir unlöslich verbunden, für diese Höllenfahrt.“
Und wieder lachte sie.
Dann wurde es stille, ganz stille, niemand sprach ein Wort.
Und jetzt der Ruf: „Los!“
Ein Sausen und die Menschenkette rutscht abwärts, im jähen Fall und unaufhaltsam – schon sieht man die Lichter – sie sind unten. Der Verwalter, der den Vorreiter gemacht, verlässt die Rutsche, und er hebt die Lampe, um nach den fremden Herrschaften zu sehen.
„Die Frau Gräfin scheint ohnmächtig geworden“, ruft er erschreckt, und er hebt den blassen Kopf der schönen Frau, der auf Arnolds Schultern ruhte.
„Es ist nur ein Schwindel“, flüstert sie matt, indem sie sich in die sie umfangenden Arme Arnolds zurücksinken lässt, der sich rasch nach ihr umgedreht. - - - - - - -
Die Arbeiter waren ausgefahren. Sie begaben sich in die Arbeitshäuser und sammelten sich in dem großen Mittelraum um die daselbst aufgestellten Sparherde.
Sie haben ihr Mittagessen selbst zu kochen und treffen nun in hastiger Eile alle Vorbereitungen dafür.
Der Hunger treibt sie.
In den zwei Herden von übergroßer Dimension ist das Feuer bald angemacht und Holzscheiter werden fleißig nachgeschoben, um es zu erhalten.
Jetzt öffnet jeder mit seinem Schlüssel das ihm zugewiesene Schränkchen in der Mauer, in dem er sein Kochgeschirr und seinen Essvorrat für die ganze Woche zu verwahren hat. Bald entsteht ein Gedränge um die Auslaufbrunnen; Die einen füllen ihre Näpfe, die anderen wollen trinken, mancher Lässige hat wohl auch sein Geschirr vom Abend her zu reinigen.
Man sieht diese Männer hin und her laufen, alle sind in stummer, geschäftiger Bewegung. Da diese Küche zugleich der Essraum ist, so sind die Tische in Reihen hier aufgestellt und zu beiden Seiten mit Bänken versehen.
Diejenigen, die nur eine Wassersuppe zu kochen und das Wasser dafür schon zugesetzt haben, genießen nun den Vorteil, sich einer vorläufigen Ruhe hingeben zu können.
Sie versuchen dies auch, da aber alle diese Bänke, wahrscheinlich um ihre Rücken nicht zu verwöhnen, ohne Rückenlehnen und äußerst schmal sind, schmal wie alles hier oben, so ist es keine so leichte Sache, eine Stellung ausfindig zu machen, die dem ermüdeten Körper ein Ausruhen ermöglicht. Sie legen endlich beide Arme über den Tisch und den Kopf darauf. Die Mehrzahl ist eben dabei, ihre Nocken zu machen, das tägliche Essen der Salzarbeiter. Stehend halten sie ihre hölzernen Schalen vor sich und rühren Mehl und Wasser zu einem Teige wacker durcheinander; Das Fett ist aufgestellt und, sobald es heiß geworden, legen sie die Nocken hinein.
Es ist ein sonderbarer Anblick, alle diese Männer in wollenen Hemden, in schmutzgefleckten Beinkleidern und Holzschuhen vor den rotglühenden Herden und den prasselnden Pfannen zu sehen, den Oberkörper stark vorgebeugt, mit Stäbchen die im Fett schwimmenden Nocken wendend, gierig den Augenblick ersehnend, wo sie herausgebacken sein werden.
Bald konnten sie das fertige Gericht auf den Tisch stellen, und da die, die nur ihre Wassersuppe zu verrühren hatten, ebenfalls damit zu Ende gekommen waren, so konnten nun all diese hungernden Mägen gleichzeitig und so gut es eben ging befriedigt werden.
Arnold kam herein.
Er drückte Georg und einigen anderen die Hand, die sich durch seine Anwesenheit nicht stören ließen. Er spricht auch nicht zu ihnen, er sieht wohl, die da können jetzt gar nichts anderes tun als essen, und um irgend welcher Anteilnahme sicher zu sein, musste er warten, bis sie gesättigt waren. Er stellt sich an die offene Tür und, die Arme gekreuzt, den Kopf an den Türpfosten angelehnt, sieht er hinaus in die helle, sonnige Landschaft, die ein Stück Hochland ihm zeigte, von fesselnder Großartigkeit.
Wie schönlinig sind diese Berge, die den See einschließen von allen Seiten; Von ihren zackigen Gipfeln blinkt der Schnee, aber sein Glanz ist gemildert durch einen kleinen bläulichen Duft, der diese Höhen umhüllt und sie noch großartiger erscheinen lässt, indem er sie in weitere Ferne rückt. Tief unten erblickt man ein Endchen des Sees, die südliche Bucht desselben. Dunkelgrün erscheint es und goldig durchleuchtet.
Er selbst steht so hoch.
Von seinem Standpunkt aus überragt er den Mittelgrund, die schönen Bäume des Salzberges, Laub- und Nadelholz gemischt, um ein bedeutendes, er sieht hoch über ihre Wipfel hinweg. Vor ihm im Vordergrund breitet sich eine Blöße aus; Unbewaldet und steinig ist hier das Terrain, und rechts von den Arbeitshäusern erstreckt sich eine große grüne Matte den Abhang hinunter. Es war das uralte Gräberfeld der Kelten.
Arnold überblickt es lange und sinnend.
Dieser historisch so interessante Fleck drängt zu Gedanken und Vergleichungen.
Hier war also eine Niederlassung jenes leichtbeweglichen intelligenten Volkes gewesen, das man das goldreiche genannt, das vielerfahren im Bergbau war und in der Bearbeitung der Metalle. Von den kräftigen Germanen bedrängt, musste es allmählich in die geschüztern und weniger zugänglichen Orte sich zurückziehen. In solchen Bergwildnissen wie hier mochte es sich wohl am längsten behauptet, sich in seiner Eigenart und unvermischt erhalten haben.
Die Kelten waren mit Weib und Kind und ihren Herden herauf in dieses Hochtal gekommen, um hier den Bergbau zu betreiben.
Es war ein schöner und kräftiger Stamm, der dem langen Winter und der Witterung trotz bot. Reichliche Felle und ihre dichten Flausröcke, die sie aus der Wolle der Schafe sich zu bereiten wussten, schützten sie vor Frost und Kälte. Die Weiber besorgten den Herd und die Herde und verstanden sich vortrefflich auf die Käsebereitung, ihre Knaben oblagen der Jagd. So hatten sie Milch und Fleischnahrung in Menge und sie genossen all der Traulichkeit eines engen Familienlebens. Aber außer diesem Notwendigen besaßen sie auch manches an Schmuck und Zier, das das Auge erfreut, den Sinn für das Schöne zeitigt, die Kunstfertigkeit steigert und hebt. Den Beweis dafür hatten diese Keltengräber geliefert.
Man hatte sie in jüngster Zeit geöffnet und die Wissenschaft jubelte über die historisch interessanten und wichtigen Funde, die dabei gemacht wurden. Es waren nur die Gräber von Bergleuten, nicht von Häuptlingen und Großen gewesen, aber den Toten waren fast ohne Unterschied Waffen und Zieraten mitgegeben worden und Geschirr manigfachster Art.
Neben den Gerippen der Männer fand man Messer und Lanzenspitzen von Bronze und Eisen, die Waffen von Noricum waren ja berühmt, zu Cäsars Zeiten schon. Die Gerippe der Weiber aber waren behängt mit Schmuck in Bronze und Gold und Silber.
Den Kelten war die ganze Eitelkeit der Gallier eigen, und sie besaßen Geschmack und technische Findigkeit schon damals.
Man hatte in diesen Grabstätten auch Tongegenstände, Schalen und Krüge von edler Form gefunden, auch Münzen, ein Beweis von Handelsverkehr. Und so lebten denn die rauhen Kelten in diesen Bergen in vorchristlicher Zeit als kräftige und gesunde, arbeitstüchtige und glückliche Menschen.
Arnold hatte das gedankenschwere Haupt gegen die Brust gesenkt, jetzt zwang es ihn unwillkürlich sich umzusehen nach dem Innenraum des Arbeitshauses, nach den Nachkommen jenes uralten Volkes.
O diese christliche, sich erhaben dünkende Kultur des neunzehnten Jahrhunderts, im Herzen Europas, in einem Distrikte, wo durch die Arbeit Weniger Millionen dem Staate gewonnen werden, bietest du ein Bild der äußersten Schmach – des Elends!
Da sind in diesem Raume an die sechzig Menschen zusammengedrängt; In schmutzigen, zerfetzten Kleidern, Holzschuhe an den Füßen, sitzen sie da. An langen Tischen auf schmalen Holzbänken, die der Gebrauch poliert hat, und sie müssen sich mit einer Kost begnügen, so schlecht und jämmerlich, die ihnen nie die Kraft ersetzt, die sie in der Arbeit verbrauchen. Das Geschlecht kommt auch von Generation zu Generation herunter. Die Bevölkerung wächst nicht, sie nimmt in erschreckender Weise ab. Diesen da, wenn sie sterben, hat man nichts ins Grab zu legen, es fehlt ihnen ja am Nötigsten, so lange sie leben.
Und nicht einmal gesunde Luft haben sie zu atmen. Zwölf Stunden des Tages arbeiten sie im Berg, atmen Grubenluft, und in den wenigen Stunden, die sie außerhalb verbringen, und in den Stunden ihrer Nachtruhe selbst atmen sie nur verdorbene Luft.
Wie schmutzig und hässlich kühl sind die Wände dieses Essraumes, der auch zugleich die Küche ist, von Rauch und Ruß geschwärzt, der sich überall ansetzt, in dichten Schichten angesammelt hat. Der Boden ist wohl gedielt, aber er ist schwarz und schlüpfrig. Nun ja, sie bringen ja die Feuchtigkeit schon an den Sohlen mit; er ist überdies bedeckt mit Abfallstoffen. Dort in dem rückwärtigen Teil, wo das Quellwasser in hölzernen Röhren hereingeleitet ist, wo die Reinigungen vorgenommen werden, wo die Männer, in begreiflicher Eile, sich selbst und ihr Geschirr zu waschen haben, wird der Boden morastig und stinkend. All die Reinigung, die ganze Instandhaltung des Arbeitshauses, das so viele Menschen beherbergt, all ihren Bedürfnissen genügen soll, das einen Aufwand von Säuberung erheischte, ist den Arbeitern allein übertragen, sie haben nach ihrer Arbeitszeit dafür zu sorgen; Aber der helfenden Gefährtinnen beraubt, vermögen sie nicht, das hier Nötige zu leisten.
Es ist unmöglich!
Jetzt ist Sommer, Türen und Fenster sind geöffnet, der helle, freundliche Sonnenschein dringt herein und die köstliche, würzige Luft, und macht die Existenz hier freundlicher und erträglicher. Aber der Sommer ist gar kurz hier oben und der Winter so lang und rau. Stürme umheulen dann die von Schneemassen umhüllten Arbeitshäuser, und dann sind die Tische verlassen, alles umdrängt die Herde, die in diesen Riesenräumen allein die Wärme spenden und des Abends auch teilweise das Licht ersetzen müssen, denn die einzige Lampe, die von der Decke herabhängt und nur eine Flamme zeigt, reicht eben nur hin, um die Öde und traurige Düsterheit hier zu beleuchten. Jedes andere Licht ist verboten.
Wozu brauchen sie auch Licht!
Wenn sie um acht Uhr abends ausfahren und hierher kommen, sind sie todmüde, und wenn sie ihre Suppe gekocht und gegessen haben, wollen sie schlafen und im Schlaf Vergessenheit suchen. Die Schlafsäle sind zwar eisig kalt, keine Heizvorrichtung befindet sich darin, aber hier steht Bett an Bett, und wo dreißig Menschen in einem Raum gepresst sind, ist er halb durchwärmt, die angesammelt tierische Wärme ersetzt das Brennmaterial.
Ihr Arbeiter des neunzehnten Jahrhunderts, ihr erfreut euch wunderbarer Segnungen der Zivilisation! Aber ist denn die Zivilisation auch für euch da? Die christliche Religion, diese Religion des Armen hat euch dulden und beten gelehrt, hat euch gelehrt, all eure Erniedrigung, all das lebensverkürzende Elend als göttliche Fügung hinzunehmen, als die notwendige Prüfungszeit, um euch ein besseres Jenseits zu verdienen. Und wenn diese armen, abgerackerten, ausgehungerten Menschen dann am Sonntag, um geistige Nahrung sich zu holen, in die Kirche kommen, dann hören sie nur wieder die zornigen Ermahnungen des Priesters, der sie vor der Habsucht und dem Geize warnt, vor der sündigen Lust nach dem Mammon, und er beschwört sie, sich‘s nur mit dem Wenigen genügen zu lassen, damit sie nicht den Himmel verwirken und das ewige Leben. Und sie senken demütig das Haupt, sehen auf ihre Kümmerlichkeit und schleppen ihr Leben weiter, das ihnen der Allgerechte als eine Buße auferlegt.
Arnold wischte mit der Hand über die Stirne.
Diese Betrachtungen brannten ihm im Gehirn und machten sein Blut sieden. Die Arbeiter hatten ihr Mahl beendet und ihre Töpfe gewaschen. Sie nahmen die Pfeifen und traten aus dem Hause; sie warfen sich auf den sonnenbeschienenen Boden, dem Mose und duftende Alpenkräuter entsprossten. Ah, die Sonne, die Wärme, das tat ihnen wohl! Wie selten konnten sie sich ihrer erfreuen und nur auf Augenblicke: Einige hatten sich alsbald der Länge nach hingestreckt und schlossen in Ermüdung die Augen. Andere saßen da, ihre Pfeifen rauchend und nur hie und da ein Wort wechselnd, ein Scherzwort tauschend.
Arnold schritt mit Georg an der rückseitigen Front des Hauses auf und nieder im eifrigen Gespräch. Sie glaubten sich hier ungestört. Arnold, der wohl wusste, dass man es nicht gerne sehe, wenn Fremde mit den Arbeitern verkehren, wollte Georg nicht unnützerweise Verlegenheiten bereiten. Aber ihr Zusammensein war dennoch verraten worden.
Der zweite Verwalter, ein noch junger Mann, den seine schwarze Bergmannstracht sehr günstig kleidete, kam auf sie zugeschritten, und indem er den Arbeiter mit einer Gebärde hinwegwinkte, meldete er dem Herrn Doktor im höflichsten Tone, dass die Frau Gräfin ihn bitten lasse, zur Gesellschaft zurückzukehren.
Nachdem Helene der schmucken Bergmannstracht sich entkleidet, die sie vor ihrer Einfahrt in den Berg angelegt und die für Damenbesuch bereit lag, war sie auf die Einladung des Verwalters in dessen Garten gekommen, wo sich ihre Kavaliere im Schatten einer wilden Weinlaube bereits niedergelassen hatten. Auch ihr gefiel es, hier einen Augenblick zu ruhen, ehe sie den Heimweg antraten, und sie nahm mit Dank ein Glas Milch entgegen, das ihr der Verwalter kredenzte.
Die adelige Gesellschaft befand sich hier ein gutes Stück abwärts von den Arbeitshäusern und ihren Augen ward eine neue Szenerie erschlossen, der Ausblick auf die schneebedeckten Höhen, die hinter dem Salzberg noch hoch emporstiegen und in westlicher Richtung bis zu den Eisfeldern sich erstreckten, aus denen einzelne Felskolosse hervorragen.
So waren sie der Richtung nach von Vorgängen ausgeschlossen, die an der Vorderseite der Arbeitshäuser sich abspielten und ungemein bewegt, ja drohend sich gestalteten. Georg hatte gleich seinen Kameraden, an dem sonnigen Abhang, sich auf das niedere, duftende Gras hingestreckt, das zwischen den Steinen emporwuchs. Er hatte seine Pfeife angezündet und, auf einen Arm gestützt, blickte er vor sich hin, über die sanft rauschenden Wälder hinweg, nach jenem grünen, glitzernden Endchen des Sees.
Die Mittagsglut lagerte über ihnen, aber sie wirkte nicht sengend hier oben. Nur ruhiger schien das Weben und Leben, und stärker schimmerte die Luft. Da hebt Georg den Kopf, er lauscht – war das der Wald? Nein, er vernimmt es jetzt deutlicher, es ist der Hufschlag eines galoppierenden Pferdes, das den Serpentinenweg heraufkommt.
Der Kamerad an seiner Seite hatte es ebenfalls gehört. „Auch einer von der nobligen Gesellschaft, der noch dabei sein muss“, sagte er mit einer faustischen Grimasse, und er legte sich wieder zurück und schloss die Augen.
Georg wendete den Kopf, was kümmerte es ihn? Immer näher kam es indes, und man hörte jetzt das Wiehern des Pferdes.
Georg sprang mit einem Male in die Höhe. Ross und Reiter waren sichtbar geworden, sie hatten den Waldweg hinter sich und sprengten nun die Anhöhe hinan. Eine Dame saß im Sattel, er hatte sie sofort erkannt, es war Elsa.
Wie der unvermutete Anblick sein Blut in Aufruhr brachte! Seine Schläfen färbten sich dunkel, und sein Herz pochte in stürmischen Schlägen.
Aber er stand wie gebannt auf seinem Platz, er rührte nicht den Fuß, um ihr entgegenzugehen, und mit keinem Wort gedachte er, seine Anteilnahme zu verraten.
Was sollte er auch? Sie kam nicht zu ihm, dem Arbeiter, sie suchte jene auf, jenen drängte es sie entgegen, mit denen sie im täglichen Verkehr stand, mit denen sie, wie ihm Arnold gesagt, nach Amsee gekommen war.
Aber wie sie daherjagte!
Vorgebeugt saß sie im Sattel und der Wind wehte den Schleier ihres Hutes hoch über ihren Kopf empor. Jetzt hatte sie die Stelle erreicht, wo der Berg ungemein steil und über Geröll aufwärts führt, das Pferd bleibt stehen, es weigert sich offenbar, da hinaufzugehen. Was will sie nur? Hat sie nicht den Fuß aus dem Steigbügel gezogen?! Welche Verwegenheit! Sie springt vom Pferd und wirft ihm die Zügel über den Hals. Und sie besinnt sich keinen Augenblick, sie hastet empor, fast im Laufe springt sie die steile Anhöhe hinan. Ihr Kleid hat sie herausgenommen, um ihre Füße nicht zu hindern, ihr Gesicht ist erhitzt und glühend, und ihr goldiges Haar verwirrt; Es hat sich unter dem Hut gelöst und wogt und wallt über ihre Schultern herab. Er hat die Pfeife den Kameraden zugeworfen und stürzt ihr entgegen.
Auch sie hat ihn erblickt und winkt ihm zu.
„Georg!“, ruft sie, dann steht sie still, ihre Kräfte scheinen sie zu verlassen, sie ringt nach Atem.
Schon ist er an ihrer Seite und unwillkürlich erfasst er ihre Hand. Sie zitterte in der seinigen, er fühlte die heftigen Schläge ihres Pulses.
„Fräulein! Was treibt Sie zu so wahnsinniger Eile, Sie sind außer sich – weshalb? Die, die Sie suchen, sind ja noch hier, sie sind im Garten des Verwalters, ich werde sie dahin führen.“
Sie wollte antworten, aber die Stimme versagte ihr, und so im Innersten bewegt und in ihrem physischen Unvermögen, sich zu äußern, stürzten ihr die Tränen in die Augen und ein krampfhaftes Schluchzen hob ihre Brust.
Er sah sie an, angstvoll, bestürzt.
„Es ist etwas geschehen!“, rief er.
Sie schüttelte den Kopf, als wolle sie alle Besorgnis verneinen, sie versuchte zu lächeln, und in dem einzigen Bemühen, ihn zu beruhigen, legte sie ihre zarte weiße Hand auf die derbe schwielige des Bergarbeiters.
„Es ist nichts – gewiss nicht – nichts, das Sie erschrecken müsste – es ist nur die Empörung, der Zorn – der mich erfasst – die mich heraufgetrieben – zu Ihnen, Georg.“
„Zu mir!“
Ihr Auge blitzte flammend auf.
„Ja, widerrechtlich ist man bei Ihnen eingedrungen, widerrechtlich hat man Sie beraubt – es ist abscheulich!“ In seinem Kopfe brauste es auf, aber in sein Herz senkte sich ein Gefühl süßer Trunkenheit. Er fühlte es in dem Augenblick so tief, dass sie ein hohes, ein Geistiges verband.
Ihm war ein Unrecht geschehen und sie empfand es bitterer, als hätte man es ihr selbst getan, und es erregte ihren Zorn und Schmerz und brachte ihr Tränen in die Augen. Wie machten sie sie ihm teuer, diese Tränen!
„Sprechen Sie nicht, jetzt noch nicht,“ hat er, als er ihre Lippen sich erstmals bewegen sah, „ruhen Sie sich aus, erholen Sie sich zuvor.“
Er führte sie an der Hand nach der Stelle, wo die Arbeiter sich gelagert hatten. Erschöpft ließ sie sich nieder.
Die Gruppe der Lagernden kam in Bewegung.
Einige rückten zurück, andere standen auf, um sich zu entfernen.
Sie machte eine Gebärde, um sie zurückzuhalten.
„Bleiben Sie, ich bitte Sie, hören Sie, was ich zu sagen habe, es betrifft auch Sie – es ist ein Eingriff geschehen in Ihrer aller Recht.“
All diese treuderben Gesichter wandten sich mit einem neugierig fragenden Ausdruck ihr entgegen.
„Was ist denn, was ist gescheh’n?!“
„Man durchsucht eure Häuser!“, stieß sie hervor.
„Wer tut das? Und wie so? Warum?“ tönte es im Chor rundum.
„Ein Kommissär, begleitet von einem Gendarmen, sie dringen in die Wohnungen, sie durchstöbern alles.“
„Polizeiliche Hausdurchsuchungen also auch bei uns,“ sagte Georg bitter, aber in einem männlich gefassten Ton.
In den Mienen seiner Kameraden aber spiegelt sich Erstaunen und Bestürzung. Ein Gemurmel ging durch die Reihen. Die Mehrzahl unter ihnen schien das Geschehnis gar nicht erfassen zu können.
„Bei Georg Hofer haben sie angefangen,“ fuhr Elsa fort, „hierauf sind sie zum Frieder gekommen. Ich war mit Evi in der Küche, als sie eintraten. Das arme Mädchen war aufs tiefste erschreckt, und ihr Vater, der alte kranke Mann, zitterte am ganzen Leibe; Er suchte sich gleichwohl den Eindringenden entgegenzustellen.“
„Hatten sie eine gerichtliche Vollmacht?“, fragte Georg.
„Ich fragte sie darum; der Kommissär wies mir ein Papier vor und fügte hinzu, dass hier im Orte Druckschriften in ungesetzlicher Weise verbreitet worden seien, darunter“ – Elsas Augen trafen in einem tieferen Blick auf Georg – „eine Broschüre, die verboten ist. Man war gekommen, um sie zu konfiszieren.“
Die Bewegung unter den Arbeitern hatte zugenommen, andere waren herbeigeeilt und rasch informiert worden. Auf alle wirkte das Wort „konfiszieren“ sensationell; Laut und in erregter Weise ging es von Mund zu Mund.
„Konfisziert, das heißt weggenommen! – Sie haben uns die Broschüre wegg’nommen! Warum haben sie das getan? Warum?
„Habt ihrs denn nicht g’hört: weil sie verboten ist,“ rief der kleine Feistinger dazwischen, der seit Jahren als Spion verdächtig war und dessen roter Schnurrbart jetzt noch struppiger in die Höhe stand als zu der Zeit, wo wir ihm zuerst begegnet waren.
„Wir haben die Broschüre durch den Buchhandel bezogen, wie hundert andere auch,“ rief Georg ihm entgegen, „und wir haben sie zu einer Zeit bezogen, wo sie noch nicht verboten war; Wir waren vollberechtigt in den Besitz derselben gelangt und es war kein Grund vorhanden, uns darin zu stören.“
„O, man hat sich nicht damit begnügt,“ fuhr Elsa fort, die nun freier atmen konnte und ihrer Herzensempörung kräftigeren Ausdruck verlieh. „Man hat bei dem Frieder alles durchwühlt, alles Lesbare in Beschlag genommen, und ich konnte aus ihren Worten schließen, dass man vorhabe, im Orte überall ein Gleiches zu tun. Ich eilte fort, ich konnte es nicht länger ruhig mit ansehen; Ich kam in das Gasthaus, wo mein Pferd eingestellt war, dort stand ein Karren, den sie mitgebracht hatten, ich sah Bücher und Schriften, die soeben darauf verladen wurden, ich erkannte Ihre Bücher, Georg, diejenigen, die mein Vater Ihnen hinterlassen hatte.“
Georg biss die Zähne zusammen: „Es war mein Teuerstes.“
„Und sie gehen von Haus zu Haus?“, fragten die anderen, sich herandrängend, mit immer höher erregten Gesichtern.
„Von Haus zu Haus,“ bestätigte Elsa.
„Und sie nehmen auch uns die Bücher?“
„Sie haben sie euch schon genommen!“
Wie ein dumpfes Brausen, ein unterdrücktes Grollen, durchlief es die Reihen.
Jedem war der Missmut aufgestiegen und der Grimm, den eine Handlung der Ungerechtigkeit erzeugt. Und jedem schien es jetzt, und wenn er auch nur einige alte abgegriffene Büchlein sein eigen nannte, als wäre ihm damit sein Kostbarstes entrissen worden; Jener kleine Schatz, den er unter tausend Entbehrungen nur erwerben konnte, den in seiner Lage nur ein fast heroischer Wille, ein unabweislicher Drang nach Wissen zustande gebracht. Jeder erinnerte sich in dem Augenblick, wie er sich den Bissen vom Munde abgedarbt, wie er Kreuzer um Kreuzer zusammengelegt, wie er ein dringendes Bedürfen von Weib und Kind oft zurückgewiesen hatte, um sich eine Zeitschrift oder ein Buch zu kaufen.
Und dies so sauer Erworbene, es sollte ihnen genommen worden sein? Das Friedlichste der Gewalt anheimgefallen?!
Und das Grollen wurde lauter, es steigerte sich, es loderte empor zu drohender Zornesäußerung.
„Es war unser sauer erworbenes Eigentum!“
„Meiner Treu, es war nicht gestohlen!“
„Und das sollte man uns nehmen dürfen?“
„Es ist ein Gewaltakt!“
„Müssen wir uns das gefallen lassen?“
Aller Blicke wandten sich Georg zu, wie einem geistigen Oberhaupt, von dem man das Wort des Rechts und der Entscheidung erwartet.
Er stand da, blasser noch als gewöhnlich, und er antwortete nicht sogleich, er suchte den eigenen überwältigenden Zorn hinabzukämpfen.
Da wandte sich Feistinger höhnisch ihm zu.
„Na, was bist denn so stad, du kannst ja sonst reden, so red jetzt auch! Du hast ihnen ja alleweil die Bücher anempfohlen, du hast sie ihnen ja kolportiert und du hast’s dahin gebracht , du, dass jetzt alle lesen.“
Georg hob den Kopf, sein Gesicht nahm einen harten, energischen Ausdruck an.
„Warum hatte man uns denn lesen gelehrt, als um zu lesen? Ja, wir lesen, lesen alle, und weil wir lesen und seitdem wir lesen, sind wir imstande, die Wahrung unserer Interessen selbst in die Hand zu nehmen, und so wird auch unsere Sache durch uns selbst zur Entscheidung gebracht werden!“
„Hört ihr den Aufwiegler?“, rief Feistinger giftig. „Na, die Herren wissens alle, dass er euer Capo ist und dass er es ist, der die Broschüre eingeschmuggelt und kolportiert hat. Wenn die Polizei bei ihm zuerst die Hausdurchsuchung g’halten hat, so hat sie sicher g‘wusst warum.“
„Wenn sie’s g’wusst hat, so hat sie’s nur durch einen Spion erfahren,“ schrieen einige der Männer ihm entgegen, „und wir wissens ebensogut, dass wir durch einen Spion denunziert worden sind.“
„Ja, ja, wir sind denunziert worden!“, schrien nun alle wild durcheinander. Die Empörung brach mit einem Male in helle Flammen aus; Der innerlich wütende Zorn hatte einen Gegenstand gefunden, an dem er sich auslassen, einen greifbaren Gegenstand, über den man sich sofort hermachen konnte.
„Der Feistinger ist’s, er ist die Kanaille, er ist der Angeber, fasst ihn!“
Im Nu sah sich der kleine Mann umringt und er stand vor erhobenen Fäusten, die sich ihm dräuend entgegenballten. Aber ebenso rasch hatte sich Georg an seine Seite gestellt.
„Was wollt ihr mit ihm? Er ist ein Schuft, aber für das, was euch geschehen, was sich in euren Häusern soeben vollzieht, dürft ihr ihn nicht verantwortlich machen, und keinen Einzelnen überhaupt. Ein System kämpft gegen uns und wir gegen ein System.“
„Wir müssens also dulden? Und dem Lumpen sollt‘ nur der Kamm anschwellen, dass ihm seine Schufterei so gut gelungen ist? Nichts da, der Kerl muss gehauen werden, und das tüchtig!“
Schon hatten sie ihn an den Armen gepackt und sofort ward er in nicht eben sanfter Weise in den dichten Menschenknäuel hineingerissen.
„Pfui, schämt euch!“, rief Georg, der sich ihm nachzudrängen versuchte, „alle gegen einen, die Starken gegen diesen Schwächling!“ Aber die Erbitterung war im Wachsen.
„Ei was!“, schrie man ihm entgegen, „wir sollen uns immer schämen, nicht wahr? Warum schämt man sich denn nicht uns gegenüber?!“
„Wir g’hören auch zu den Schwachen, meinst nicht? Und doch sind wir unser Lebtag von den Starken bedrückt worden.“
„So ist’s!“, riefen alle.
„Und ich mein’s halt wieder anders,“ rief ein hochgewachsener Arbeiter dazwischen. „Ich sag, was uns jetzt trifft, das dürft nimmer geschehen, wenn wir uns nicht selbst zu den Schwachen zählen täten und zu den Hilflosen.“
„Hilflos!“ lachte ein junger Bursche, der ein kühn geschnittenes Gesicht hatte, laut auf. „Das wollen wir einmal sehen, kommt’s mit mir ‘nunter, wir nehmen uns z‘ruck, was unser ist, und meiner Seel, wer uns dran hindern wird, dem geht’s schlecht!“
„Ruhe!“, schrie Georg mit seiner Donnerstimme in den tollen Haufen hinein. „Seid ihr wahnsinnig, wollt ihr euch gegen ein Gesetz empören? “
„Wir wollen unsere Bücher wiederhaben!“
„Wir werden die Zurückgabe auf gesetzlichem Wege erreichen!“
„Haha! Das ist ein langer Weg.“
„Und ein z’widrer Weg.“
„Und was einmal g‘nommen ist, das kennen wir, das kriegt man nimmer!“
„Und doch können wir nur auf diesem Wege vorwärts kommen – hört mich!“
Georgs Stimme gewann jenen Ausdruck geistiger Kraft, der auf andere bestimmend wirkt: „Ich fordere euch auf, keine Unbesonnenheit zu begehen, sie könnte euch teuer zu stehen kommen. Und nun gebt den Feistinger frei und lasst uns in Ruhe zu einer Beratung zusammentreten.“
Es war verhältnismäßig stiller geworden.
In diesem Augenblick trat der Verwalter unter die Leute.
Die Steiger waren schon vorhin herbeigeilt, vermochten sich aber in dem anwachsenden Lärm nicht verständlich zu machen.
Auch der aristokratischen Gesellschaft war die Kunde geworden von dem Tumult unter den Arbeitern. Sie waren dem Verwalter gefolgt und trafen auf den Moment auflodernder Empörung.
Helene vernahm dies wüste Ineinanderschreien, sie sah die erregten Gesichter, die leidenschaftlich drohenden Gebärden, und sie überkam ein Zittern.
Elsa war Arnold entgegengeeilt, in kurzen, fliegenden Worten gab sie ihm Aufklärung über das Geschehnis.
Der Verwalter aber fragte nicht, forschte nicht erst nach den Ursachen; Mochten sie sein, welche immer, sie konnten hier oben nichts ändern. In seiner Eigenschaft als Verwalter verlangte er pünktliche Erfüllung der Dienstpflicht und volle Disziplin, und er war hier in seinem Recht.
„Es ist zwei Uhr,“ rief er, „an eure Arbeit, Leute, sofort! Kein Lärm mehr, keine Widerrede.“
Und als die Ruhe doch nicht sofort eintrat, ja, Rufe und Gegenrufe sich vernehmen ließen und das Begehren laut wurde, dass einige von ihnen nach Amsee entsendet werden mögen, schrie er den Steigern zu: „Die Tafel zur Hand und die Uhr, wer in zwei Minuten nicht in den Schlafsälen sich zum Gebet versammelt hat, wer beim Aufruf fehlt, ist entlassen.“
Eine plötzliche unheimliche Stille folgte diesen Worten.
Sie wussten es alle, was eine Widersetzlichkeit zu bedeuten habe.
In all den Gemütern tobte noch der Zorn, die Herzen dieser Männer klopften wild, ihre Muskeln bebten, und doch suchte jeder seinem Blute zu gebieten, den lodernden Grimm zu bändigen.
Keiner durfte in dem Augenblick an sich denken, er musste an Weib und Kind sich erinnern und der greisen Eltern. Er durfte sie nicht verlassen, um seine Kräfte anderwärts zu verdingen, er war durch die eiserne Notwendigkeit gefesselt an diesen Boden. Sie gingen alle – alle.
Es gibt auch einen Heroismus des Gehorsams.
Nachruf
Adelheid Popp: Minna Kautsky
Fünfundsiebzig Jahre alt ist im Dezember 1912 Minna Kautsky in Berlin gestorben.
Eine tapfere Frau und eine mit dem Leben des Proletariats vertraute Schriftstellerin ist mit ihr aus dem Leben geschieden. Sie war vielen Parteigenossen in Wien persönlich bekannt. Hatte sie doch bis Ende der Neunzigerjahre hier gelebt. Oft kam sie in Arbeiterversammlungen, besonders in Frauenversammlungen.
Es war im Winter 1892,da lernte ich sie in einer Arbeiterinnenversammlung beim „Weissen Rössel“ in Fünfhaus persönlich kennen. In dem düsteren Saal, in welchem sich nur ärmlich gekleidete Proletarierinnen befanden, fiel sie trotz ihrer Einfachheit auf. Sie stellte sich als Minna Kautsky, die Mutter Karl Kautskys, vor. Beide Namen kannte ich schon. Hatte ich doch aus der Bibliothek des Arbeiterbildungsvereines den Roman „Stefan vom Grillenhof“ gelesen, der damals in parteigenössischen Kreisen berühmt und beliebt war. Auch auf mich hatte er grossen Eindruck gemacht. Der Schluss des Romans zeigt in der, Person der prächtigen Nandl eine Art „neue Frau“, die sich mit Gleichgesinnten zur genossenschaftlichen Produktion zusammenschliesst. Dann kannte ich ‚die vielen kleinen Erzählungen, von denen manche in der Wiener, „Arbeiter-Zeitung“, andere in der „Neuen Zeit“ erschienen. Der „Pariser Garten“, dieses Liebesdrama einer buckligen Arbeiterin, hatte viele ergriffen. Der Gedanke der Solidarität spielte hier wie,überall eine Rolle. Wir begeisterten uns an den schlichten Erzählungen, die immer irgendein gesellschaftliches Übel im Mittelpunkt hatten.
Aber nicht als Schriftstellerin soll Minna Kautsky hier gewertet werden, das sei Berufeneren überlassen; nur. der Tatsache soll Ausdruck verliehen werden, wie vortrefflich die aus bürgerlichen Kreisen kommende Frau zu den Arbeitern zu sprechen verstand, wie sie bemüht war, mit den Leiden und
Qualen des Proletariats vertraut zu werden, wie sie aber ‚auch schonungslos die Gebrechen darlegte, die in der sogenannten guten Gesellschaft vorhanden sind.
Ich sah Minna Kautsky oft, immer brachte sie ihr Interesse für die Arbeiterklasse mit mir in Berührung.
Auch mit der Bühne machte sie in den Neunzigerjahren einen Versuch, Die
Frau, die selbst Schauspielerin gewesen, schrieb ein Volksstück „Die Eder-Mizzi“. Der ersten Aufführung im Wiener Raimund-Theater wohnten auch Parteigenossen bei.
Es ging ein Gerücht herum, dass die Heldin des Volksstückes „Die Eder-Mizzi“‚ eine in der Arbeiterbewegung tätige Proletarierin zum Vorbild habe. Das Volksstück hatte keinen Bühnenerfolg und wurde vom Spielplan abgesetzt. Ich habe heute kein Urteil mehr über die Wirkung, aber das eine weiss ich, dass auch dieser Versuch Minna Kautskys von dem Bestreben diktiert war, die Öffentlichkeit mit dem Leben des Proletariats bekannt zu machen, der Arbeiterklasse zu nützen.
Sie war eine starke Persönlichkeit, was ja dadurch bewiesen ist, dass sie, angeregt durch das Studium ihres Sohnes Karl, den Sozialismus zu verstehen suchte. Gewiss hat grössere Schriftstellerinnen gegeben als sie; ob aber eine andere einen besseren Weg zu dem Herzen vor allem der Frauen gefunden hat, kann wohl bezweifelt werden.
Vor allem ‚erschienen ihre Bücher zu einer Zeit, wo das Proletariat erst anfing, sich von der Lektüre der Kolportageromane und süsslicher Familienblätter freizumachen.
Klassiker und gute moderne Bücher waren damals den Proletariern nicht so leicht zugänglich wie heute. Auch das Verständnis dafür war noch nicht vorhanden. Da taten Minna Kautskys Bücher gute Pionierarbeit.
Als ich Anfang der Neunzigerjahre anfing, im Arbeiterinnenverein Vorträge zu halten über die Bücher, die die Arbeiterinnen lesen sollen, da klangen alle meine Reden in eine Empfehlung von Minna Kautskys Büchern aus.
Besonders' „Stefan vom Grillenhof“ wurde gern gelesen. Enthielt es doch das erschütternde Schicksal eines hochbegabten jungen Mannes, der als Sohn eines Bauern nach den höchsten Wissensschätzen strebte, im Kriege 1866 aber zum Krüppel wurde als Zwanzigjähriger, Krieg, gesellschaftliche Moralheuchelei und das Bildungsmonopol der Besitzenden wurden in aller Grausamkeit und Verwerflichkeit beleuchtet.
In der kleinen Erzählung „Die Brillanten des Kardinals“, die vor mehr als zwanzig Jahren in der »Neuen Zeit“ erschien, wurde in unaufdringlicher Weise das Dienstbotenlos aufgezeigt. Es ist die Geschichte des guten, braven Mädchens, das nichts kennt, als sich für das Wohl der Herrschaft zu opfern.
Der Roman „Helene“ handelt von der Entwicklung einer Frau zur sozialistischen Weltanschauung. Bilder vom Krimkrieg, eine
Schilderung des Wiener Kongresses der Deutschen Sozialdemokratie, Personen aus der russischen Revolution sicherten diesem Roman einen begeisterten Leserkreis.
So hat Minna Kautsky vieles dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit auf den
Sozialismus zu lenken und auch mit der Frauenfrage vertraut zu machen.
Literaturkritiker mögen an dem Schaffen dieser parteigenössischen Schriftstellerin was immer auszusetzen haben, es verdient dennoch vollste Anerkennung und Würdigung wegen der trefflichen Werbearbeit, die damit bei Indifferenten verrichtet wurde.
Die Sprache war so gewählt, wie sie die Empfindungen der proletarischen Leser und Leserinnen treffen musste; das Milieu so gezeichnet, dass es die Interessensphäre des Proletariers packte. Dafür sei der Verstorbenen gedankt.
Zum Schluss eine Anregung.
Es werden jetzt so viele Schriften neu herausgegeben und Gesamtausgaben veranstaltet, von welchen viele vielleicht nicht so viel an wirklichem Wert für die Partei bieten wie Minna Kautskys gesamtes Schaffen.
Es wäre sicherlich ein dankbares und nützliches Unternehmen, wenn sich ein Parteiverlag der vielfach ganz verschollenen Arbeiten Minna Kautskys annehmen würde. Von den jüngeren Parteigenossen und Genossinnen kennt sie fast niemand, wenn er sich nicht berufsmässig mit Literatur beschäftigen muss.
Und sicherlich Tausende der Partei in den letzten Jahren neu Gewonnene würden auch heute noch mit viel Genuss und mit viel Gewinn lesen, was ihnen eine Frau, die sich in der Vollreife ihres Lebens dem Sozialis-
mus zugewendet hat, zu sagen hat.
War es doch ein Leben, das selbst ums Dasein ringen musste. Eine Frau, die mutig den eigenen Weg wandelte, eine Mutter, die bestrebt war, ihren Kindern das Beste zu geben: Verständnis für ihr Streben, Erfassung ihrer Ideale.


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