Die Holzstube.
- Gerhard Zauner

- vor 11 Stunden
- 13 Min. Lesezeit
von Friedrich Simony, aus den Nachrichten der Sektion Donauland.

Das erste Mal wurde dieser Aufsatz 1855 veröffentlicht, im
Faust, polygraphisch-illustrirte Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft Industrie und geselliges Leben.
Ein ähnlicher, mehr journalistischer Text, Holzknechte im Salzkammergute, wurde von Simony 1867 in der Österreichischen Revue publiziert.1929 wurde dieser Text dann in den Nachrichten der Sektion 'Donauland' des Dt. u. Österr. Alpenvereins 1929 veröffentlicht.
In den 1920er Jahren übernahm die Wiener Sektion „Austria“ des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins eine bedauerliche Vorreiterrolle bei der antisemitischen Ausgrenzung. 1921 wurde dort der „Arierparagraph“ eingeführt, der jüdische Mitglieder ausschloss.
Dies führte zum Austritt Tausender Bergsteiger und zur Gründung der alternativen Sektion Donauland.
Die Simonyhütte, Austriahütte, Guttenberghaus, Brünnerhütte und die Adamekhütte waren zu jener Zeit die Hütten der Sektion Austria am Dachstein.
In dieser Epoche wurden auch die Naturfreunde-Ortsgruppen von Hallstatt und Obertraun gegründet.
Am 10. Juli 1927, fünf Tage vor dem Justizpalastbrand öffnete das Wiesberghaus seine Türen.
Am 7. Juli schrieb Der Abend:
Im neuen Naturfreundeheim werden die Bergsteiger vor hakenkreuzlerischen Anpöbelungen sicher sein! Das Haus wird Sonntag, den 10. Juli, eröffnet. Die Holzstube.
von Friedrich Simony.
Die nachstehende Erzählung ist einer Folge von fünf Skizzen des Verfassers entnommen, die im zweiten Jahrgange (1855) der Wiener Zeitschrift „Faust, Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft, Industrie und Unterhaltung" erschienen, eines Blattes, das, wiewohl über hervorragende Mitarbeiter verfügend und ausgezeichnet illustriert, nur wenige Jahrgänge erlebte. Die „Holzstube" beweist von neuem eindringlich das große Erzählertalent Simonys, wie es den Lesern schon in der Skizze „Adalbert Stifter in Hallstatt" in Folge 84 vom Juni vorigen Jahres entgegentrat, und das in Simonys Schriften nicht allzuoft zum Durchbruch kommen konnte, da dieselben ja beinahe durchwegs wissenschaftlichen Charakter trugen. Die Zahl meiner verunglückten Gebirgsausflüge war wieder um einen vermehrt worden.
Ich stand auf dem Scheitel jenes östlich von Ischl gelegenen Berges, dessen verschiedene Physiognomie seiner entgegengesetzten Seiten die sich widersprechenden Benennungen Schönberg und Wildkogel veranlasst hat.
Dichte Wolken umzogen die Kuppe und ließen nur für Augenblicke dort und da ein Fleckchen des weiten Gesichtskreises erschauen. Ein feuchtkalter Wind war ebenfalls nicht geeignet, dem Aufenthalte einen besonderen Reiz zu verleihen.
Ich tat daher, was man in derlei Fällen gewöhnlich zu tun pflegt, und kehrte nach kurzem Verweilen dem unfreundlichen Standpunkt den Rücken. Um aber Zeit und Kraft nicht umsonst verwendet zu haben, suchte ich wenigstens mit der Flora und den geognostischen Verhältnissen der Umgebung näher bekannt zu werden. Unter dieser Beschäftigung liefen die Stunden unmerklich ab und erst als feiner, mit Eiskörnchen untermischter Regen zu fallen begann, ward ich erinnert, dass es Zeit sei, die Höhe zu verlassen.
Da der Wildkogel nicht weit von dem westlichen Abfalle des großen Gebirgsstockes entfernt liegt, zu welchem er selbst gehört, so konnte ich hoffen, wenn auch nicht mehr Ischl, so doch bald eine Alpe in einer der talwärts ziehenden Gebirgsfurchen aufzufinden.
Indes hatte mich das Verfolgen der Gesteinslagerungen von dem rechten Pfade weiter abgelenkt, als ich gedacht. Ich war in eine mir ganz fremde Gegend geraten, in welcher die Orientierung um so schwieriger geworden war, als die Wolken bereits das ganze Gebirge verhüllten. Es blieb nun nichts übrig, als auf gut Glück, unter steter Beratung des Kompasses die westliche Richtung genau einzuhalten, um irgendeine der oberen Verzweigungen des Rettenbachtales aufzufinden.
Über zwei Stunden war ich in einem abscheulichen, von Krummholz überflochtenen Geklippe bald auf-, bald abwärts umhergeirrt, ohne den Gebirgsrand zu erreichen; aber plötzlich machte sich eine stärkere Luftströmung fühlbar und die Nebel rissen so weit auf, dass ich zu Füßen in ungeheurer Tiefe einen finsteren Waldgrund erblicken konnte. Auch das ferne Rauschen eines Wildbaches ließ sich zeitweise vernehmen.
Obgleich es nun sehr unsicher war, in gerader Richtung über den steilen Absturz, an dessen Rand ich mich befand, ins Tal gelangen zu können, so ließ der nahende Abend doch keine Wahl mehr übrig und ich begann also hinab zu steigen, nicht ohne einige Hoffnung, dass mir doch irgendwo die Spuren eines Jägersteiges Vorkommen würden.
Das Krummholz, mit welchem alle Vorsprünge des stufenförmigen Gehänges überkleidet waren und das mich kurz vorher oft genug belästigt hatte, bot nun sehr willkommene Handhaben. Wo die Äste und der Arm nicht reichten, da leistete die um einen hinlänglich festen Stock der Zwergkiefer geschlungene Leine (welche einen bleibenden Bestandteil meiner Reisetasche bei allen Gebirgswanderungen bildete) wertvolle Dienste beim Herabklettern über die steilen, von zahllosen Wasserrinnen zerschnittenen Felsbänke.
So war ich in kurzer Zeit einige hundert Fuß tiefer gekommen. Einzelne verkrüppelte Lärchen und Fichten, hie und da aus dem Steingeklüfte emporragend, waren das Zeichen, dass ich die obere Baumgrenze bereits erreicht. Allmälig wurde das Rauschen des Wassers vernehmlicher, die Wolkenhülle lichter und zerrissener,das Dunkel des Waldes unter mir intensiver. Aus den breiteren Vorsprüngen des Gehänges begannen die Bäume sich zu dichteren Gruppen zusammen zu drängen, ihre Stämme gewannen an Mächtigkeit. ihr Astwerk an Frische.
Plötzlich dünkte es mir, als träfe der Schall einer Holzaxt mein Ohr. Die unstäte Richtung des Windes ließ mich jedoch über die Gegend nicht ins Klare kommen, wo der Ton entstanden war.
Nun trat ein, was ich gleich anfangs besorgt hatte. Die Stufen des Gehänges wurden immer schmaler und höher, und plötzlich stand ich über einem Abfall, dessen unübersteigliche Steile daraus zu entnehmen war, dass die nächstgelegenen Bäume des noch immer in großer Tiefe befindlichen Waldes sich in fast senkrechter Perspektive darstellten. Jetzt blieb nichts übrig, als auf der Höhe des Absturzes so weit fortzugehen, bis irgendein tieferer Einschnitt oder eine günstigere Abstufung das weitere Hinabklettern ermöglichen würde. Ich schlug die Richtung gegen das Gebirge ein, wo jedenfalls der gegen das letztere ansteigende Talgrund zu Füßen mit dem Gehänge, auf dem ich mich befand, zusammenstoßen musste.
Als eine Strecke der fast horizontal verlaufenden Stufe zurückgelegt war, fand ich zu großer Freude die ersten Spuren menschlicher Tätigkeit. Der Strunk einer mächtigen Lärche, umgeben von frischen Spänen und abgehacktem Astwerk, an welchem die Nadeln noch grün waren, deuteten untrüglich an, dass hier die Axt noch vor kurzem tätig gewesen.
Ich untersuchte das Terrain genauer und fand an einem zweiten, etwas höher stehenden Baume die Einschnitte eines Seiles, das augenscheinlich benützt worden war, um den gefällten Baum unzerbrochen über den Absturz hinabzubringen. Auch sah ich weiterhin neue Wurzelstöcke und Holzsplitter, zusammengetretenes Gras und abgestreiftes Gestrüppe.
Ich folgte diesen untrüglichen Wegweisern. Die früher schon wiederholt gehörten Schläge der Holzaxt ertönten jetzt von neuem und ganz nahe unter mir. Gleich darauf sah ich einen heraufragenden Baumwipfel wanken, dann stürzen, worauf ein kurzes Rauschen und endlich ein fürchterliches, lang nachhallendes Geprassel folgte.
Die Wegspuren führten nun zu einer sehr abschüssigen Grasleite, in welcher künstlich vertiefte Tritte vor dem Abgleiten sicherten. Die Grasleite lief nach unten in eine bei 15 Fuß hohe, senkrechte Wand aus, über welche ein sogenannter „Steiger", d. i. ein steil angelegter Baumstamm, in welchen handbreite Stufen eingehackt waren, hinabführte. Nachdem auch diese primitive Treppe zurückgelegt war, suchte ich die Stelle, wo soeben der Baum gefällt worden, und fand bald zwei Holzknechte, die eben wieder im Begriffe standen, einer schlanken Fichte den Tod zu geben.
Diese beschrieben mir nicht nur den Pfad über den letzten Teil des Absturzes, sondern auch den Weg zu der „Holzstube", welcher sie zugehörten und die sie mir zur Nachtstation empfahlen, da die weiter unten gelegenen Alpenhütten gegenwärtig leer stünden.
Das erste Dämmern des Abends war bereits eingebrochen, als ich die Holzknechthütte erreichte. Unwillkürlich kam mir beim Anblick derselben Schuberts herrliches Lied in den Sinn:
Rauschender Strom, Brausender Wald, Starrender Fels Mein Aufenthalt!
Die Lage des Blockhauses war in hohem Grade romantisch. Dicht vorbei, in einer tiefen Rinne, tobte ein geschwellter Wildbach über bemooste Felsen. Jenseits erhob sich eine steile Wand, auf welcher zwei durch den Regen improvisierte Wasserfälle gleich abrollenden Silberbändern glänzten. Uralte Tannen, mit grauen Bartflechten behangen, bildeten mit ihrem reichen Astwerk ein dichtes Schirmdach über dem Platze.
Allerlei Stilleben bedeckte den Boden. An einem Schleifstein mit vierbeinigem Gestelle lehnten mehrere Hacken. Daneben lagen gewaltige Eisenklammern, ein zusammengerolltes Seil und ein Wasserfässchen mit gekrümmtem Tragstiel. Grimmige Steigeisen mengten sich unter friedliche Holzschuhe, ein mächtiges Griesbeil* ruhte würdevoll auf einem Haufen leichtfertiger Holzspäne. Verschiedene Drechslererzeugnisse einfachster Sorte umlagerten eine gleich anspruchslose Drehbank.
* Das Griesbeil ist ein bei fünf Fuß langer Stock mit Dorn und einem starken Widerhaken. Der letztere ist die eiserne Hand des Holzknechtes, mit dem Griesbeil bewegt er Scheite, Drehlinge und ganze Stämme mit einer Behendigkeit und Sicherheit, die oft staunenerregend ist. (Anmerkung des Verfassers.)
Auf dem vor der Hütte angebrachten Tische, bestehend aus vier in die Erde geschlagenen Pflöcken und zwei aufgelegten Brettern, stand eine lange Reihe gleich großer irdener Töpfe und obenan ein ganzer Turm ineinander gestellter halbkugelförmiger Holzschüsseln, die noch die Spuren der eben erst vorgenommenen Reinigung an sich trugen.
Eine Stange, mit allerlei nassen Wäschestücken behangen, ruhte auf zwei senkrecht eingerammten Pfosten, deren jeder auf einer Seite in spannweiten Abständen eine Anzahl schräger Einschnitte zeigte. In einem der letzteren war eine kleine Eisenpfanne mit ihrer Handhabe eingeklemmt.
Während ich noch mit der Überschau all der bunten Gegenstände beschäftigt war, tauchten aus der Tiefe des Bachgrabens zwei Wesen auf, welche die wunderlichste Staffage zu der Umgebung bildeten. Ein Mann mit arg verkrümmten Beinen und einem Antlitz, von welchem ein rauher Herbst längst alle Blüten des Lebens abgestreift zu haben schien, humpelte zur Hütte heran. Ihm auf den Fersen folgte eine Ziege, deren rechtseitiger Hinterfuß bloß durch einen kurzen Stummel vertreten war. Der Mann trug ein Schaff voll Wasser auf dem Kopfe, ein zweites Gefäß mit gleichem Inhalt in der linken Hand, während die Rechte einen Stock hielt, welcher dem hin und her wankenden Körper zur Stütze dienen musste.
Bei dem vorerwähnten Tische angelangt, setzte der Träger beide Gefäße auf denselben und füllte der Reihe nach alle vorhandenen Töpfe mit Wasser an. Der dreifüßige Begleiter schien an diesem Vorgange lebhaften Anteil zu nehmen, denn er richtete sich, so gut es gehen wollte, an dem Manne in die Höhe und schaute dem Geschäfte des Einfüllens zu.
Ich stellte mich dem „Geimel"*, denn nur dafür konnte dieser verkrüppelte Mensch hier angesehen werden, als einen Obdachsuchenden für die kommende Nacht vor und empfahl mich seiner Gastfreundschaft, welche mir auch ohne Umstände zugesichert wurde.
*„Geimel"— ein Mittelding zwischen Haushälter und Diener, dessen Aufgabe darin besteht, die Hütte zu überwachen und rein zu halten, dann gewisse Arbeiten und Dienstleistungen für die Holzknechte zu verrichten. (Anmerkung des Verfassers.)
Er lud mich sogleich ein, in die „Stube" zu treten und an dem Feuer Platz zu nehmen, was letzteres mir auch in hohem Grade nottat, denn meine ganze Bekleidung war nicht nur von dem kalten Strichregen, sondern noch viel mehr von dem nassen Zwergholz, zwischen welchem ich mich so oft hatte durcharbeiten müssen, vollständig durchweicht worden.
In der Hütte war es bereits lebendig. Eine breite Flammenzeile loderte auf dem langen, die Mitte des einzigen Raumes einnehmenden Herde. Vier Holzknechte, die eben auch erst angekommen zu sein schienen, waren damit beschäftigt, ihre grauen Wettermäntel über dem Herde aufzuhängen und die schweren Bundschuhe gegen nicht viel leichtere Holzpantoffeln umzutauschen. Bald vergrößerte sich jedoch die Gesellschaft, eine Rotte stämmiger Waldsöhne nach der andern traf ein, bis die Zahl der Anwesenden auf zwanzig Köpfe angewachsen war.
Jetzt begann ein reges Treiben. Während die einen noch damit zu tun hatten, sich der nassen Hüllen zu entledigen und diese auf noch leer gebliebenen Stellen der Trockenstangen anzubringen, waren die andern schon zur Bereitung ihres Abendesses geschritten.
Kurz vorher hatte der Geimel alle Wassertöpfe der einzelnen Holzknechte zum Feuer gerückt. Nun nahm jeder Holzknecht aus dem eigenen Lederranzen das Säckchen mit Mehl, die hölzerne Schmalzbüchse, den flachrunden Eisenlöffel und die Eisenpfanne heraus und ging an die kunstgerechte Verfertigung der „Nocken", des selbst von delikateren Stadtgaumen als schmackhaft befundenen Hauptgerichtes der oberösterreichischen Holzknechte.
Da wurde zuerst die bestimmte Menge Mehl in die hölzerne Schüssel getan, heißes Wasser in dem nötigen Maß eingerührt, dann mit dem eisernen Hohlspatel aus dem Teige acht regelrunde Klöße geformt und in das siedend gewordene Wasser des ungehörigen Topfes getan. Während dasselbe die letzteren garkochen mußte, wurde ein ansehnliches Quantum Schmalz in die Eisenpfanne gegeben, erhitzt, und nun darin die acht zum zierlichen Kranz geordneten Klöße gebacken.
Um das leckere Gericht zum schnelleren Abkühlen zu bringen, wurde die Pfanne mit dem Stiel in eines der Kerblöcher der oben beschriebenen zwei Pfosten außer der Hütte gesteckt und darauf zur Anfertigung der „Schotsuppe" geschritten.
Auch diese bereitete Jeder für sich, indem er in die hölzerne Schüssel Brotblättchen einschnitt, mit dem Sudwasser der Nocken übergoss, dann etwas frischen „Schoten" (eine Art Süßmilchkäse) einrührte und zuletzt die Schüssel mit einer Holzplatte zudeckte, um das Gemenge dem Prozesse gegenseitiger Durchdringung zu überlassen.
Nur einige der älteren Holzknechte, wahrscheinlich gesegnete Familienväter, gingen wirtschaftlicher zu Werke. Der eine machte „Wasserspatzeln", der andere bereite „Äpfelkoch", ein dritter blieb gar nur bei der Schotsuppe stehen. Es bot einen eigentümlichen Anblick dar, mehr als ein Dutzend männlicher Gestalten, jede ihren Platz aus der Umrahmung des Herdes einnehmend, mit gleicher Aufmerksamkeit und Bedächtigkeit gleichzeitig das selbe Gericht nach gleicher Weise, ja man kann sagen, nach demselben Rhythmus bereiten und dabei mit einer Reinlichkeit Vorgehen zu sehen, die vielleicht manchem weiblichem Koche hatte zum Muster dienen können.
Nachdem so das Abendessen fertig gebracht worden war, gab der „Meisterknecht" ein Zeichen und nun erhoben sich alle Anwesenden, entblößten das Haupt von der unvermeidlichen Zipfelmütze und verrichteten, das Antlitz gegen ein von Rauch geschwärztes Kruzifix gekehrt, laut ihr Dankgebet für den himmlischen Schutz bei ihrem gefährlichen Handwerk.
Jetzt erst ging es zum Mahl. Die Pfannen wurden hereingeholt, die Schüsseln abgedeckt und Jeder nahm seinen Platz wieder auf dem Herdrahmen oder auf einem herbeigeholten Schemel, doch dem Feuer so nahe als möglich.
Zwei und drei der zum Essen sich Anschickenden rückten näher aneinander, um in Gesellschaft zu verzehren, was jeder für sich bereitet hatte. Diejenigen, welche auf magere Kost angewiesen waren, wurden von den besser Bestellten eingeladen, mit ihnen zu teilen. Die hinkende Ziege machte die Runde zu allen und erhielt von jedem ihr Teil. Für mich hatte der Geimel gesorgt.
Nach genossenem Mahle gab sich die Mehrzahl der Anwesenden irgendeiner Beschäftigung hin. Der Schleifstein wurde herbeigeholt, um die Hacken neu zu schärfen oder eine entstandene Scharte auszuwetzen. Locker gewordene oder gebrochene Stiele an den letzteren wurden frisch verkeilt oder durch neue ersetzt. Einer hatte am Riemwerk seiner Steigeisen, ein Zweiter an Kleidungsstücken zu bessern, der Dritte seine Schuhe zu nageln. Wieder andere füllten die Zeit damit aus, Fackeln aus dünngespaltenen Holzstäben zu verfertigen. Zwei junge Burschen mit höchst vergnügtem Gesichte waren bemüht, von einem astlosen Fichtenscheit möglichst lange und breite Leuchtspäne abzulösen und in deren Kanten allerlei Zierrat einzuschnitzen, welches Kunstwerk unzweifelhaft die Bestimmung hatte, irgendeiner Alpenschönen als Zeichen zarter Aufmerksamkeit gelegentlich überreicht zu werden. Der Meisterknecht notierte sich Allerlei über die Geschehnisse des Tages, um beim Wochenrapport im Waldamt einen geordneten Bericht erstatten zu können. Ein schnurrbärtiger Veteran, den nach dreißigjährigem Soldatendienst die Jugendliebe zum Waldleben noch nicht verlassen hatte, legte auf den verwundeten Arm eines Kameraden frische Verbände an.
Nur wenige unter der ganzen Gruppe gaben sich dem süßen Nichtstun hin oder ergötzten sich mit dem „Mühlfahren", zu welchem ein paar mit Kohle auf einem Schemel gezeichnete Linien und verschieden geschnittene Holzstückchen den Spielapparat abgaben.
Die Pfeife fehlte aber in keines Mund, sie ist der unzertrennliche Begleiter des Holzknechtes und ihr zuliebe unterhält er selbst an heißen Sommertagen auf seiner Arbeitsstätte ein fortwährendes Feuer, um jederzeit einen Glimmspan für seine Freundin bereit zu haben.
Neben den mannigfachen Hantierungen hatte die bunteste, zeitweilig sehr kräftige Konversation ihren ununterbrochenen Gang. Abenteuerliche Begebnisse aus dem Kriegs-, Bergmanns- und Waldleben, Fatalitäten nächtlicher Spaziergänge, Hauskreuzleiden und Familiensorgen bildeten den Stoff der Unterhaltung, in welcher hie und da ein starker Anflug poetischen Aufputzes nicht zu verkennen war.
Endlich mahnte die Schwarzwäldlerin, das luxuriöseste Einrichtungsstück der Hütte, mit neun heiseren Schlägen, dass die Schlafenszeit gekommen sei. Arbeit, Spiel und Pfeifen wurden bei Seite gelegt, die Brandstumpfen sorgfältig zusammengeschürt, und Einer nach dem Andern nahm seinen Platz auf der gemeinsamen Lagerstelle.
Nicht lange währte es, so umfing tiefer Schlaf die ermüdeten Bewohner und nur das leise Knistern der erlöschenden Glut belebte noch die Stille des dunklen Raumes.——
Als ich erwachte, war schon Alles in voller Tätigkeit, das Frühstück abgekocht und die Mehrzahl der Holzknechte, nämlich jene, deren Arbeitsplätze entfernter lagen, zum Aufbruch bereit. Draußen breiteten die schwarzen Baumkolosse des Waldes noch nächtliche Finsternis um das Blockhaus, nur hie und da schimmerte zwischen den turmhohen Wipfeln ein Fleckchen des sich erhellenden Himmels herein. Eine Stunde später, als der Tag völlig angebrochen, waren der Geimel, seine Ziege und ich die einzigen lebenden Wesen in der Hütte.
Die Regenwolken des vorigen Tages hatten sich noch nicht ganz zerstreut. Zeitweise flog ein schleierartiger Nebel über die Baumkronen hin und der niedersteigende Bergwind schüttelte in Augenblicken eine ganze Flut schimmernder Perlen von dem wasserbelasteten Astwerk herab.
Ich beschloss daher, noch ein paar Stunden zu verweilen, um die weitere Gestaltung des Wetters abzuwarten. Nebenbei fesselte mich das Interesse an der Lebensgeschichte des Haushälters, dessen ganze Erscheinung und Art so viel Eigentümliches darbot, dass ich die Stätte nicht verlassen wollte, ohne mit den Geschicken dieses sonderbaren Menschen bekannt geworden zu sein. Es bedurfte auch keiner besonderen Überredung, denselben mitteilsam zu machen. Während er mein Frühstück bereitete und ich mit dem Umlegen der gesammelten Pflanzen beschäftigt war, erzählte er seine Schicksale.
Mit achtzehn Jahren war er Holzknecht im ärarischen Dienste geworden. Ein bei den Alpenbewohnern ziemlich häufig vorkommendes Gebrechen hatte ihn der Militärpflicht enthoben, das Recht der Erstgeburt ihm vor einem jüngeren Bruder den einstigen Besitz einer gut bestellten Hauswirtschaft gesichert. Nach eingetretener Großjährigkeit sollte er das Anwesen übernehmen. Ein Mädchen seines Ortes hatte ihm ihr Herz geschenkt und er die Heirat zum Antritt seines Besitztums festgesetzt.
Während sich so das Leben recht schön und hoffnungsreich um ihn gestaltet hatte, änderte ein Unglück mit einem Male alles. Als er und drei andere Holzknechte eines Tages zur Winterzeit damit beschäftigt waren, mehrere in einer sehr steilen Berglehne gefällte Bäume abwärts zu fördern, brauste Plötzlich eine Staublawine von der Höhe hernieder, erfasste ihn mit seinen Kameraden und schleuderte alle Vier in einen viele Klafter tiefen Abgrund hinab. Einer von ihnen fand im Sturze über die Felsenstufen seinen Tod, dem zweiten wurden mehrere Rippen und ein Arm gebrochen, der dritte kam wie durch ein Wunder nach dem Falle auf eine weiche Stelle der Lawine zu stehen und konnte vollkommen unversehrt sogleich um Hilfe eilen; er selbst war von der Lawine zur Seite geschleudert worden und zwar auch auf die Füße gefallen, aber mit solcher Wucht, dass alle Gelenke derselben verschoben wurden. Nach sechsmonatlichem Schmerzenslager stand er als Krüppel auf.
Er verzichtete nun auf das Heiraten, stellte auf seine Kosten für den Bruder, welcher als Rekrut abgeführt werden sollte, einen Ersatzmann und ging, als er nach mehreren Jahren seine verkrümmten Füße wieder mit einiger Sicherheit zu gebrauchen gelernt hatte, in den Wald, um da, wenn auch nicht mehr als Holzknecht, so doch als Geimel sein Leben zu verbringen. „Jetzt", so schloss er seine schlichte Erzählung, „habe ich eigentlich nichts in der Welt, was mir anhänglich wäre, als das Vieh da" und dabei umfing er fast mit Zärtlichkeit den Hals seiner Ziege, die schon eine zeitlang mit aus der Schüssel gegessen hatte und die er nun sorglich die letzten Reste der Suppe auslecken ließ. „Diese Ziege habe ich im vorigen Herbst vor dem Verhungern gerettet. Es war ihr ein herabstürzendes Felsstück auf die Hinterfüße gefallen, unter welchem sie nicht los konnte, bis ich zufällig dazu kam und sie befreite. Ich habe sie dann nach Hause getragen und gepflegt. Jetzt geht sie mir nicht mehr von der Seite; sie isst und schläft mit mir und versteht mich, wenn ich zu ihr rede."
Als der Mann geendet hatte, lag etwas in seinem gefurchten Gesichte, das aussah, wie Wehmut und Trauer um ein verlorenes Glück. Wie öde, dachte ich bei mir, muss es in dem Herzen dieses Menschen aussehen, wenn keine andere Liebe mehr in demselben einen Widerhall erregt, als die dankbare Anhänglichkeit eines unvernünftigen Tieres! Noch manche Frage wäre mir nahe gewesen, aber ich fühlte, dass ich an eine Wunde gegriffen, die, so alt sie auch sein mochte, noch nicht vernarbt war.—
Ein frischer Ostwind hatte jetzt die Wolken gelichtet, freundliches Blau schimmerte zwischen denselben durch und versprach einen schönen Tag. Der Geimel setzte sich schweigend zu seiner Drehbank, um hölzerne Schüsseln zu drechseln. Ich aber zog wieder bergwärts, in einer Stimmung, als ob mir
selbst etwas Trauriges passiert wäre.





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